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Realität - Fantasie - Tod

(Wiederauflage August 2017)


Erstveröffentlichung unter dem Titel "Die letzte Nacht" im Jahr 2000 im Teiresias Verlag Köln

Kauf

ISBN: 978-3-7448-9384-8 (Printfassung, A4, 92 Seiten, 9,90€)
ISBN: 978-3-7448-9565-1 (E-Book, Einführungspreis 0,99€ bis 18.10.2017, danach 2,99€)

Klappentext

Spielort: Eine verlassene Fabrikhalle (vorzugsweise). Das gesamte Gebäude mit einer Festtafel in der Mitte des Zuschauerraums stellt die Welt der Realität dar – die Bühne die Welt der Fantasie. Der personifizierte Tod als weitere Größe bewegt sich frei in beiden Welten. Der Zuschauer wird – ohne selbst einzugreifen – zu einem Teil der Geschichte. Traumhaft. Real. Beängstigend nah.

Aufführungsrechte

Die Aufführungsrechte liegen bei mir als Autor. Bitte nehmen Sie bei Interesse über diese Webseite Kontakt mit mir auf.

Spielort

Jede Halle, die groß genug ist, zusätzlich zur Bühne eine Festtafel in der Mitte des Zuschauerraumes unterzubringen (z.B. eine alte Fabrikhalle).

Bühnenbild

Besetzung

Hauptpersonen:
Tochter (18-25 Jahre)
Narr (18-25 Jahre)
Prinz (18-25 Jahre)
Frau (18-25 Jahre)

Die drei Welten:
König der Realität (40-70 Jahre)
Verwalter (30-60 Jahre)
Königin der Fantasie (40-70 Jahre)
Tod (40-70 Jahre)

Weitere:
Alter Mann (+70 Jahre)
Festgesellschaft
Wachen

Leseprobe

Sie können die folgende Leseprobe auch als PDF-Datei herunterladen:


Akt i

[Zuschauerraum = Welt der Realität]

(In der Mitte des Zuschauerraums steht eine reich gedeckte Festtafel. Es ist kalt. Dunkel. An der Seite der Tafel sitzt eine junge Frau allein im schwachen Scheinwerferlicht.
Nachdenklich wandert ihr Blick zur Eingangstür im hinteren Teil des Raums und verharrt dort. Sie wirkt erschöpft. In sich gekehrt. Die Arme hat sie schützend um die zum Körper gezogenen Beine gelegt.)

Akt i  Szene 1

Tochter

(Sanft. Sehr nah) Vielleicht, in dieser Nacht … klopfe ich ein letztes Mal, ganz leise, an Ihre Tür. Dann sitzen Sie schweigend in Ihrem Zimmer, inmitten der Dunkelheit, und nur auf die Hände vor Ihnen … nur auf Ihre Hände fällt noch ein schwaches Licht.

(Langsam wendet Tochter ihren Blick von der Eingangstür ab. Es vergeht einige Zeit, bevor sie weiterspricht.)

Vielleicht … wenn Sie aufstehen …
Sie könnten langsam durch das Zimmer gehen, hinüber zum Fenster. Einfach nur da stehen, am Fenster, und hinaussehen in die Nacht. Hinaussehen auf das Meer. In den dichter werdenden Nebel. Und könnten nicht sicher sein, ob das, was Sie sehen, noch wirklich ist.
Dann weht aus der Ferne ein kalter, grauer Wind – weht vom Norden, durch die verlassenen Straßen – kommt näher und schlägt hart gegen Ihr Fenster. Klack! Immer härter. Klack! Und für einen kurzen Moment – unendlich weit entfernt – ist ein lautes Lachen zu hören. Dringt durch Ihr Fenster, durch die Nacht. Weht herüber aus den alten Schenken am Hafen.
Und für einen kurzen Moment scheinen Menschen aus allen Teilen der Welt vom Alkohol vereint. Matrosen, die versuchen, ihre Einsamkeit zu vergessen, in den Armen einer … in den Armen … Alte Männer sitzen seit ewigen Nächten auf ihren Bänken und erzählen sich heiser die Vergangenheit. Es wird gelacht. Viel zu laut!

(Sieht sich lange im Zuschauerraum um. Sucht Blickkontakt.)

Vielleicht, in dieser Nacht, werden Sie sich fürchten, neben mir, in der Dunkelheit. Und wenn Sie sich fürchten … wenn Sie frieren … zum ersten Mal wieder die eigene Nähe spüren … dann werden Sie sich wehren müssen. Dann ist es kalt, draußen, in meinen Straßen. Es ist feucht. Nur unsere eigenen Schritte werden noch zu hören sein. Unser Atem. Ganz still.
Die Schritte klingen hell, auf dem nassen Asphalt. Ersticken dumpf, im dichter werdenden Nebel. Nirgendwo ein Licht. Nur gelegentlich die grauen Umrisse einzelner Gebäude: Halb verfallene Fabriken. Ein alter Bahnhof.
Es riecht nach vermodertem Holz. Nach verwittertem Stein. Und mit einem süßlichen Geruch hat sich der Nebel wie ein Leichentuch über die Stadt gelegt.
Wir gehen durch die verlassenen Straßen. Immer weiter! Gelbschwarz verdorrte Bäume breiten weit ihre Äste aus – wie Arme, die uns aufzuhalten versuchen. Straßen, die sich lautlos im dichten Nebel vor uns verstecken. Aber irgendwann … wenn wir lange genug gegangen sind … Irgendwann sind aus der Ferne leise Schritte zu hören. Zuerst nur wenige, dann immer mehr. Wir kommen näher und begegnen Menschen, die wie wir …

(Bricht ab und sieht sich suchend im Zuschauerraum um.)

Es ist nicht mehr still, Vater. Hörst du? Nicht mehr kalt, in deiner Nähe. Inmitten all der Menschen. Es ist auch nicht mehr dunkel. Da vorne, am Ende der Straße, ist schon ein erstes Licht zu sehen.

(Lächelt angestrengt.)

Noch ist er nur ein blasser, milchig weißer Fleck, aber langsam beginnt er zu wachsen. Wächst weiter. Immer weiter! Die Schritte um uns herum werden lauter und von allen Seiten schließen sich uns Menschen an. Immer mehr Lichter entstehen und der Nebel vor uns reißt langsam auf. Nach und nach sind einzelne Fenster zu erkennen. Immer mehr Fenster! Unzählige Fenster, inmitten der Dunkelheit. Wir kommen näher und vor unseren Augen entsteht ein gewaltiger, von Licht durchströmter Palast.
(Zum Publikum) Die Schritte … Hören Sie? Die Schritte sind jetzt neben uns. Hinter uns. Die Menschen schieben uns immer weiter, drängen uns unaufhaltsam in den Palast hinein! Vor uns öffnen sich hohe, weite Räume und wir tauchen ein, in den Palast. Tauchen ein, in die Wärme. Immer weiter tauchen wir ein.

(Von draußen ist leise Festmusik zu hören. Tochter sieht nach hinten in Richtung Eingangstür.)

(Angestrengt) Sie werden reich geschmückten Männern begegnen. Frauen in aufwendigen Kostümen. Mit Perücken und weiß gepuderten Gesichtern. Lakaien treten Ihnen zur Begrüßung entgegen und sprechen zu Ihnen in einer Sprache, die Sie nicht verstehen: Sie werden Gast am Hofe eines mächtigen Königs, in einer längst vergangenen Zeit.
Es wird gelacht. Getanzt. Von überall her ist Musik zu hören! Heitere, unbeschwerte Musik. Eine festliche Gesellschaft, die sich von allem befreit hat, was die Freude dem Leben fernhalten könnte. Gefangen nur noch im Augenblick … vom Spiel der Kerzen … in unzähligen Spiegeln, deren Licht sich in jedem Augenblick tausendfach bricht!

(Die Musik wiederholt sich. Wird immer lauter. Schneller. Aggressiver.)

Sie sehen Spiegel. Immer wieder Spiegel. In allen Formen und Größen! Eine Gesellschaft, die sich an sich selbst vergnügt und im Laufe der Zeit immer mehr darin gefällt. Ein Fest der Lebensfreude und der Eitelkeit. Beides im selben Augenblick. Beides … Ich …

(Es gelingt Tochter immer weniger, sich gegen die Musik zu wehren.)

Irgendwann werden Sie einem Graf begegnen, der Ihnen von seinen galanten Abenteuern erzählen wird. Von Abenteuern, die er ganz sicher verschweigen würde, wenn er die Frauen wirklich lieben könnte. Ein anderer Mann – wieder ein Mann – prahlt von seinen Besitzungen … deren Herr er schon seit Langem nicht mehr ist, weil er sein Geld für Wichtigeres (Mühsam) nicht benötigte.

(Die Musik beginnt zu taumeln.)

Sie begegnen Männern der Kirche, die die Macht ihres Glaubens gegen den Glauben an die Macht eingetauscht haben. Sie sehen Frauen, die schmeicheln. Denen geschmeichelt wird. Für eine Umarmung – oder mehr. Ich …
Ein … Graf, der kein Graf ist, sondern … nur … (Laut. Abwehrend) Ich.

(Die Musik taumelt weiter.)

(Noch lauter) Ich!

(Die Musik bricht ab. Es ist wieder still. Nur sehr langsam findet Tochter zu sich.)

(Leise) Irgendwann beginnt die Musik, sich zu wiederholen. Wiederholt sich … Wie ein Karussell, das sich schneller dreht und schneller. Immer schneller. Bis es mich abwirft! Dann scheint Ihnen das alles wie ein Traum und ist doch meine Wirklichkeit: Dieser Palast. Die Tafel. Der Ort, an den ich geflohen bin: Eine ganz eigene Welt!
Dann ist der König dieser Welt … der König der Realität. Und feiert mit tausend Gästen. Im Schein von tausenden Kerzen. Mit tausend Gästen, die langsam verglühen.

(Sieht nach vorne zur Bühne.)

Und die Welt der Fantasie ist nur eine Bühne, weit entfernt. Nur ein schwaches Licht, inmitten der Dunkelheit.
(Leise) Und mein Vater … ist der Tod. Das Schweigen. Für immer … das Schweigen.

(Sieht sich lange um. Sucht Blickkontakt zu einzelnen Zuschauern.)

(Lächelt schwach) Vielleicht, in dieser Nacht, klopfe ich ein letztes Mal, ganz leise, an Ihre Tür. Dann sitzen Sie allein, inmitten der Dunkelheit, und nur auf Ihre Hände …

(Hält ihre Arme in das schwache Scheinwerferlicht. Betrachtet sie nachdenklich.)

Dann ist es, als wäre ich der einzige Mensch in diesem Palast. Und wäre allein, inmitten der Stille. Als wäre ich lebendig und alle anderen spielten nur eine Rolle. Dieses Fest … Es hört nie auf. Nur die Gäste wechseln, von Zeit zu Zeit. Und vielleicht …

(An einer Seitentür nahe der Bühne sind Geräusche zu hören. Tochter sieht auf.)

Vater?

(Keine Antwort.)

Ich weiß, dass du da bist!

(Zwei Männer betreten zögernd den Zuschauerraum.)

Nein. Ich will nicht!

(Sieht zur Seitentür.)

Nein! Dieser Raum gehört mir. Nur mir allein!

(Prinz bleibt an der Bühne stehen und sieht sich um: Ein breiter Mittelgang verbindet Haupteingang, Festtafel und Bühne miteinander. Die Bühne ist aus dem Zuschauerraum über einige Stufen zu erreichen. Die Stühle der Festtafel sind zur Bühne gerichtet. Inzwischen hat der Narr den Mittelgang erreicht. Von draußen ist wieder leise Festmusik zu hören. Narr bleibt stehen.)