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scheu (Roman)

(Neuerscheinung September 2016)


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ISBN 978-3-7412-6201-2 (276 Seiten, 9,95€)

Klappentext

Seit ihrer frühesten Kindheit hat Marie versucht, die Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen. Nach außen hin angepasst ist sie dabei innerlich zunehmend erstarrt. Immer wieder flüchtet sie in ihre Tagträume.
Als sie Hannah begegnet, kann sie ihr Leben nicht länger aufschieben. Zum ersten Mal liebt sie und wird geliebt. Mutig stellt sie sich ihren Ängsten und macht sich auf die Suche nach neuen Erfahrungen. Dabei gewinnt sie bald erste Freunde, begegnet aber auch ganz unmittelbar Gewalt und Obdachlosigkeit. Sie lernt verschiedene Spielarten des Sex kennen. Immer weiter wagt sie sich voran, aber immer wieder gerät sie bei dem Versuch, Hannahs Nähe zuzulassen, an ihre Grenzen …

Rezensionen

Zu Beginn dieses Jahres wurde der Roman in einer Leserunde bei Lovelybooks (eine der wichtigsten Platformen für Literaturinteressierte in Deutschland) ausführlich besprochen. Einen Überblick der dort verfassten Rezensionen erhalten Sie auf der Webseite von Lovelybooks.

Leseprobe

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Kapitel 1

Die meisten Gäste schliefen bereits, als Marie den schweren, stapfenden Schritten zu ihrem Zimmer in der ersten Etage des »Kaiser Wilhelm« folgte. Durchaus mit einem Gefühl von Zuneigung betrachtete sie dabei den älteren Mann, der sich langsam die Treppe vor ihr hinaufbewegte. Albert – er hatte Marie gebeten, ihn bei seinem Vornamen zu nennen – war der Erste Portier des Hauses und schien ihr auf liebenswerte Weise in einer längst vergangenen Zeit verhaftet zu sein. Wie selbstverständlich trug er einen altmodisch anmutenden Frack mit weißer Weste, Stehkragenhemd und Schleife – dazu schwarze, glänzende Lackschuhe. Nur die einst silberfarbenen Galons seiner feinen Stoffhose waren inzwischen deutlich verblasst.

Mit großer Freundlichkeit und Würde hatte er Marie während seiner Begrüßung darauf hingewiesen, dass der Page des Hauses leider erkrankt sei, und sie deshalb gebeten, stellvertretend für ihn das Gepäck in ihr Zimmer hinauftragen zu dürfen. Es wäre ihm niemals in den Sinn gekommen, einen Gast sich selbst zu überlassen, nur weil die Umstände nicht so waren, wie er sie ganz sicher als glücklich empfunden hätte. Marie sah auf den Mann, der jetzt nur wenige Schritte vor ihr bedenklich von der einen Seite zur anderen schwankte, und tadelte sich dafür, keine zweite Reisetasche mitgenommen zu haben, denn sie musste fürchten, dass die einseitige Belastung Albert jederzeit aus seinem Gleichgewicht bringen könnte. Nicht weniger Sorge bereitete ihr, dass er beim Ausatmen fortwährend leise, stark gepresste Zischlaute von sich gab, die bei dem immerhin erfolgreichen Versuch entstanden, ein viel lauteres, ursprünglicheres Schnaufen zu überdecken. An der achten Stufe – Marie hatte genau mitgezählt – erwiderte die Treppe sein Zischen und das gleichmäßige Stapfen seiner Schritte mit einem deutlichen, durch das ganze Haus hörbaren Ächzen und Stöhnen – dann noch einmal an der zwölften und an der vierzehnten Stufe. Marie atmete tief durch. An jedem anderen Tag hätte sie ihr Vergnügen an diesem vielstimmigen Konzert gehabt, aber heute wollte sie nur noch in ein weiches Bett fallen und schlafen.

Albert brachte sie in das, wie er ihr nicht ohne Stolz versicherte, beste Zimmer des Hauses und zog dort zuerst die Vorhänge auf – ein Vorgang, dessen Bedeutung sich Marie in Anbetracht der fortgeschrittenen Stunde und der damit einhergehenden Dunkelheit zumindest nicht sofort erschloss. Erst nach und nach verstand sie es als die Ankündigung einer Vorstellung, deren einziger Zuschauer sie im Folgenden werden sollte.

Noch immer leicht schwankend bewegte Albert sich auf einen kleinen Tisch zu, der dem Bett gegenüber an der Wand stand. Er entfernte vorsichtig die Decke, faltete sie äußerst gewissenhaft zusammen und legte sie danach auf einen der beiden wertvollen Gründerzeitstühle ab. Beinahe andächtig stellte er anschließend Maries Tasche auf den Tisch und bat sie, ihm für einen Augenblick in das Bad zu folgen, damit er ihr die dortigen Armaturen genauer erklären könne. Mit dem größten Bedauern wies er darauf hin, dass es leider zu empfehlen sei, die Temperatur des Wassers vor Gebrauch mit der Hand zu überprüfen. Die Heizungsanlage werde jedoch erfreulicherweise im nächsten Jahr vollständig modernisiert, so dass es dann nicht mehr zu derartigen Unannehmlichkeiten kommen würde. Er erläuterte ihr die Bedienung des Haustelefons und erklärte überaus freundlich, von vielen Gästen ausdrücklich darum gebeten worden zu sein, sich die Beschreibung des hochmodernen Fernsehers in eigener Verantwortung erarbeiten zu dürfen. Er würde diesen Wunsch gerne respektieren, stünde aber selbstverständlich jederzeit für Fragen zur Verfügung. Marie meinte an dieser Stelle, ein, wenn auch nicht unbedingt professionelles, aber doch umso menschlicheres, komplizenhaftes Lächeln in seinen Augen entdeckt zu haben. Die Vorstellung erreichte ihren Höhepunkt, als Albert sehr lebhaft die Geschichte vom Besuch Kaiser Wilhelms II. im Jahre 1904 erzählte, der auf dem angrenzenden Bahnhofsplatz eine feierliche Rede gehalten habe – mit festlicher Marschmusik, einer jubelnden Menschenmenge und Blumen streuenden Kindern. Anschließend sei der Kaiser Gast in genau jenem Hotel gewesen, dessen Portier zu sein Albert heute, weit über hundert Jahre später, die Ehre habe. Er beteuerte glaubhaft, dass der Kaiser genau in jenem Bett die Nacht verbracht habe, welches jetzt »dem jungen Fräulein« Schlafstatt bieten würde.

Marie stellte keine weiteren Überlegungen hinsichtlich des Wahrheitsgehaltes dieser Geschichte an, sondern bedankte sich aufrichtig für die anrührende Vorstellung und gab Albert beim Abschied sein wohlverdientes Trinkgeld. Schon während sie ihm noch auf der Treppe gefolgt war, hatte sie darüber nachgedacht, welche Entlohnung für den Portier eines Hauses angemessen wäre, das sich an einer nur schwer zu definierenden Grenze zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu bewegen schien. Sie wollte es sich mit Albert nicht verderben, denn es war gut möglich, dass sie länger bleiben würde. Andererseits wollte sie ihn auch nicht durch die Höhe eines Trinkgeldes beschämen, welches seiner Position nicht entsprochen hätte. Am Ende entschied sie sich offensichtlich für den richtigen Betrag, denn Albert bedankte sich mit einer freundlichen Verbeugung und verließ ihr Zimmer.

Marie löschte das Licht, trat an die Balkontür und sah hinunter auf den nur schwach beleuchteten Bahnhofsplatz. Es war Ende März und seit Tagen regnete es ohne Unterlass. Im Moment allerdings schien der Regen ihr ohne jede Bedeutung zu sein. Wichtig war nur, dass sie endlich die Tür hinter sich schließen konnte und für niemanden mehr zu erreichen war. Die letzten Wochen nach dem Tod ihrer Eltern hatte jeder an ihr gezerrt, weil er etwas von ihr wollte. Aber jetzt war es vorbei. Endlich konnte sie zur Ruhe kommen. Endlich war sie allein! Langsam schloss sie die Vorhänge und legte sich auf das Bett. Sie versuchte, Ihre Gedanken zu ordnen, aber es vergingen noch Stunden, ehe sie erschöpft einschlief.

[Kapitel 2 bis 9]

Kapitel 10

Marie hatte nur kurz gefrühstückt und verließ bereits um zehn Uhr das Hotel. Sie ging über den Bahnhofsplatz, bog nach rechts in die Wilhelmstraße ein und stand nach kaum hundert Metern an der Ecke zur Gumbertstraße. Hier begann das Vergnügungsviertel der Stadt. Marie erkannte sofort das rot gestrichene Eckhaus wieder, an dem ihr Weg sie vorbeigeführt hatte, als sie ziellos durch die Straßen gelaufen war. Jetzt am Morgen, ohne den Schutz der Dunkelheit, ohne die leuchtende Neonreklame und ohne das hektische Stimmengewirr der Menschen um sie herum, erschien ihr dieser Ort kalt und leer. Abweisend. Als hätte man ihm jede Daseinsberechtigung entzogen.

Marie wusste genau, dass sie sich mit dem nächsten Schritt in eine Welt begeben würde, die ihr völlig fremd war. Bis ins Einzelne hatte sie deshalb darüber nachgedacht, wie es ihr gelingen könnte, in dieser Umgebung nicht weiter aufzufallen: wann der geeignete Zeitpunkt für einen Besuch wäre; ob sie Menschen, denen sie begegnete, in die Augen sehen oder ihren Blicken ausweichen sollte; wie sie sich bewegen müsste. Sie hatte sogar darüber nachgedacht, was sie auf mögliche Fragen antworten könnte, und wie es klingen müsste, damit ihre Stimme sie nicht verriete. Sie war fest entschlossen, so selbstverständlich wie möglich zu erscheinen und auf gar keinen Fall zu zögern, wenn sie einen der Sexshops betreten würde.

Als sie in die Gumbertstraße einbog, wichen ihre guten Vorsätze einer zunehmenden Beklemmung. Es war sehr unwahrscheinlich, dass sie so weit entfernt von ihrem bisherigen Lebensumfeld einem Menschen begegnen würde, der sie hätte erkennen können. Es war deshalb auch weniger die Angst vor einer möglichen Entdeckung, als das Unbehagen, von ihrer Neugier an einen Ort geführt worden zu sein, dessen Regeln sie nur unzureichend kannte und der sie darüber hinaus zwang, eine für sie festgefügte Ordnung zu verlassen.

Ihr Herz schlug bis zum Hals, als sie das »Joy of Sex« betrat. Einen Verkäufer konnte sie zu ihrem Glück nicht entdecken. Im hinteren Teil des Raums bemerkte sie ein älteres Paar, das sich allerdings nicht weiter um sie kümmerte. Marie ging langsam an den Wandregalen der rechten Seite entlang. Die Räumlichkeiten waren sehr sauber und das Sortiment gewissenhaft nach Themen geordnet: ein Regal mit Gleitmitteln, eines mit Massageölen und anderen Hilfsmitteln, danach die Ständer mit den Dessous. Das ältere Paar war gerade dabei, ein schwarzes Lackkostüm genauer zu betrachten, und bemerkte sie noch immer nicht. An der Stirnwand befanden sich Regale mit Büchern und Videos; auf der linken Seite des Raums war eine kaum überschaubare Anzahl sich in Form, Größe und sonstiger Eigenheiten unterscheidender Dildos zu finden – dazwischen diverse Ladentische. Das alles wirkte auf Marie nicht wie ein Ort, der sich lustvoll mit Begriffen wie Erotik oder Sinnlichkeit beschäftigte. Er hatte eher die Anmutung eines weitgehend anonymen, jederzeit beliebig austauschbaren Supermarktes, und sie spürte eine gewisse Erleichterung, als sie ihn kurze Zeit später wieder verlassen konnte. Für einen Moment blieb sie vor dem Laden stehen und überlegte, ob sie sich eingestehen sollte, von der Situation überfordert zu sein, aber dann entschied sie sich, noch einen zweiten Versuch zu wagen.

Der nächsten Laden war deutlich kleiner und weniger geordnet. Außerdem schien er auf ein Programm spezialisiert zu sein, das den Wünschen und Vorlieben von Ewa und Menzer ganz sicher entsprochen hätte. Marie sah sich dieses Mal nicht nach anderen Kunden um, sondern ging langsam umher und versuchte dabei, nicht über jede ihrer Bewegungen nachzudenken. Sie war jetzt weniger betäubt als bei ihrem ersten Versuch, aber dadurch der Situation auch wesentlich stärker ausgeliefert. Es gab keine schützende Distanz mehr zu den Dingen, von denen sie umgeben war.

Vorsichtig berührte sie eine Peitsche. Unmittelbar spürte sie, welche Kraft, aber auch welche Gefahr von ihr ausging. Für einen kurzen Moment glaubte sie sogar zu erahnen, wodurch dieser Gegenstand bei einem Menschen Lust verursachen konnte. Sofort kehrten die Erinnerungen an das Geschehen in ihrem Nebenzimmer zurück. Sie nahm ein Paar Lederfesseln auf und spürte die Härte, aber auch die Nachgiebigkeit des Materials. Gerade wollte sie daran riechen, als sich ihr von hinten Schritte näherten. Hastig legte sie die Fesseln wieder ab und griff, ohne hinzusehen, irgendeinen der Gegenstände aus dem Regal. »Bist du sicher, dass es das ist, wonach du gesucht hast?«, hörte sie kurz darauf eine freundliche, sehr warme Stimme hinter sich. Marie wagte es nicht, sich umzusehen. Stattdessen wanderte ihr Blick langsam zu dem herunter, was sie in ihrer Hand hielt. Es war kalt. Metallisch. Ihr Frauenarzt benutzte es, wenn er sie genauer untersuchen wollte. Für einen Moment hoffte sie, ein Loch würde sich unter ihr öffnen und sie könnte unbemerkt darin versinken – aber nichts geschah.

Marie sah sich zögernd um. Eine Frau, nicht älter als sie selbst, lächelte ihr sanft zu. Mit einem Blick hatte sie Marie durchschaut. »Du bist das erste Mal in so einem Laden, stimmts?« Marie wusste keine Antwort. Es gehörte nicht zu den Fragen, auf die sie sich vorbereitet hatte. Die Frau, die jetzt vor ihr stand, folgte auch nicht den Gesetzen ihrer Fantasie: Sie war lebendig. Unendlich nah. Auf eine irritierende Weise anziehend. »Ich bin Hannah. Und wer bist du?« – »Marie«, hörte sie sich sagen. »Ich heiße Marie.« Zu mehr war sie nicht in der Lage.

Hannah nahm ihr den Gegenstand, den sie vergeblich hinter ihrem Rücken zu verstecken versucht hatte, vorsichtig aus der Hand und legte ihn wieder zurück in das Regal. Maries Verlegenheit war ihr sofort aufgefallen. »Wollen wir nicht lieber gehen?«, fragte sie behutsam. »Ich glaube, das hier ist nichts für dich. Wir könnten zusammen einen Kaffee trinken.« Marie zögerte einen Moment. »Am Bahnhof gibt es das ›Meier's‹. Wollen wir nicht zusammen da hingehen?« Marie war noch immer unsicher, wie sie reagieren sollte, aber sie fühlte sich sofort zu der Stimme ihr gegenüber hingezogen – und zu ihrer eigenen Überraschung vertraute sie Hannah, ohne sie auch nur im Geringsten zu kennen. »Bist du sicher?«, fragte Marie noch einmal nach. Zum ersten Mal wagte sie einen vorsichtigen Blick in Hannahs Augen. Noch nie war ein Mensch so offen auf sie zugegangen. Hannah lächelte und öffnete im nächsten Moment die Tür für Marie. »Ja. Ich bin sicher.«

Ohne weiter ein Wort miteinander zu wechseln, verließen sie langsam die Gumbertstraße. Gelegentlich sah Marie unauffällig zur Seite, um sicherzugehen, dass all das gerade wirklich geschah. Als beide den Bahnhofsplatz erreicht hatten, lächelte Hannah ihr aufmunternd zu. Sie hakte sich bei Marie ein und zusammen gingen sie auf das »Meyer's« zu. Marie gefiel die Nähe zu Hannah. Gleichzeitig erschien die Situation ihr aber noch immer unwirklich.

»Gründerzeit«, erklärte Hannah mit einem einzigen Wort, als sie gemeinsam das Café betraten, und fügte sanft herausfordernd hinzu: »Wie dein Hotel.« Sie genoss den irritierten Ausdruck in Maries Gesicht. »Ich habe gesehen, wie du kurz zum Balkon im ersten Stock hinaufgesehen hast, als wir am ›Kaiser Wilhelm‹ vorbeigegangen sind.« Marie sah Hannah erneut fragend an. »Ich beobachte sehr genau«, erwiderte Hannah mit einem Lachen. Die Antwort kam so ehrlich und direkt, dass Marie ihr nicht böse sein konnte. Überhaupt kam es ihr vor, als würden sie sich schon seit langer Zeit kennen, obwohl sie bisher kaum mehr als ein paar Worte gewechselt hatten.

Langsam schaute Marie sich um. Wie alle Gebäude rund um den Bahnhofsplatz sah auch das »Meyer's« so aus, als wäre es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr verändert worden. Es erinnerte Marie an eines der Wiener Kaffeehäuser, die sie auf einer der vielen Reisen mit dem Orchester ihres Internats besucht hatte. Es war alt – vielleicht sogar ein wenig in die Jahre gekommen –, aber sie fühlte sich darin sofort sehr wohl. Sie mochte Dinge mit Patina. Dinge, die nicht beliebig austauschbar waren.

»Lass uns nach oben gehen. Da hat man einen schöneren Blick«, schlug Hannah vor und Marie folgte ihr in die erste Etage, die zu dieser Zeit noch recht leer war. Beide zogen sich ihre Jacken aus und setzten sich an einen der Tische am Fenster, mit Blick über den Bahnhofsplatz. Maries Unsicherheit war deutlich zu spüren. »Du bist zu Besuch hier?«, fragte Hannah vorsichtig, erhielt aber keine Antwort. Sie war Marie nicht böse, sondern ließ ihr die Zeit, sich an die Umgebung zu gewöhnen, und bestellte für beide einen Kaffee. Nach einer Weile sah Marie auf. »Es tut mir leid. Ich wollte dir eben nicht ausweichen. Es ist nur … Eigentlich weiß ich selber nicht genau, warum ich hier in der Stadt bin. Aber das klingt jetzt vermutlich unglaublich dumm.« Hannah lächelte sanft. »Nein. Das tut es nicht. Und du musst dich auch nicht bei mir entschuldigen.« Vorsichtig näherten sich ihre Blicke, bis sie sich schließlich für einen Moment trafen. Es war nur ein einziges Wort, das sie dabei miteinander tauschten. Nur ein kurzes, aber unwiderrufliches »Ja«. Dann wie zur Bestätigung ein verlegenes Lächeln, bevor ihre Blicke sich langsam wieder voneinander lösten.

»Wie gefällt dir dein Hotel?«, versuchte Hannah nach einer Weile, erneut ein Gespräch in Gang zu bringen. »Es ist sauber«, fiel Marie nur ein. »Und ich mag Albert.« Hannah musste lächeln. »Ja. Ich kenne Albert. Er ist wirklich sehr nett. Vielleicht der liebenswürdigste Mensch überhaupt. Aber ist dir nicht aufgefallen, wie unglaublich schön das ›Kaiser Wilhelm‹ ist? Dass es atmet wie ein lebendiges Wesen und dass es ganze Geschichten erzählen kann?« Marie wusste wieder nicht genau, was sie Hannah antworten sollte: Dass sie über die Schönheit des Hotels bisher nicht nachgedacht hatte? Dass sie ihr aber genau hätte berichten können, wie viel Fliesen das Bad hatte oder wie viele Risse der kostbare Gründerzeitstuhl? Und dass eine der Geschichten sie ausgerechnet in einen Sexshop in der Gumbertstraße geführt hatte?

»Woran denkst du gerade?«, fragte Hannah leise nach. Marie zögerte erneut. Nicht, weil sie keine Antwort gewusst hätte, sondern weil es eine Frage war, die ihr noch nie jemand gestellt hatte. Vielleicht war sie auch einfach nur zu lange alleine gewesen und den Umgang mit anderen Menschen nicht mehr gewohnt. Hannah ließ Marie schweigen. Sie trank in Ruhe weiter ihren Kaffee und sah wieder hinaus auf den Platz. Dabei umschloss sie ihre Tasse fest mit beiden Händen, als wollte sie sich daran wärmen. Für eine Weile schien sie in eine andere Welt versunken zu sein. Irgendwann sah sie nachdenklich zu Marie und erklärte ihr beinahe wie selbstverständlich: »Ich arbeite als Domina, weißt du.« Marie reagierte nicht. Es war, als hätte Hannah in einer fremden Sprache zu ihr gesprochen und sie müsste das Gehörte zuerst Wort für Wort übersetzen. »Ich möchte ehrlich zu dir sein. Es ist … Nein. Mein Beruf ist es nicht. Ich verdiene mir damit nur mein Studium. Deshalb war ich auch in dem Sexshop.« Sie machte eine längere Pause. »Bist du jetzt schockiert?« Marie zögerte kurz, dann lächelte sie unsicher. »Nein. Nur ein wenig verwirrt.« Hannah sah sie an und schien erleichtert. Für einen kurzen Moment hatte sie dabei etwas sehr Verletzliches an sich. »Ich mag es, wenn man ehrlich zu mir ist«, sagte sie leise, und es schien, als wollte sie das Thema damit erst einmal ruhen lassen. »Wollen wir noch einen Kaffee trinken? Danach könnte ich dir den Bahnhof zeigen«, fragte sie nach einiger Zeit vorsichtig. – »Den Bahnhof?«, erwiderte Marie überrascht und Hannah antwortete mit einem herausfordernden Lachen: »Na ja, eigentlich studiere ich Kunstgeschichte. Ich könnte dir also eine in jeder Hinsicht exklusive Führung anbieten.« Marie war noch nie auf die Idee gekommen, einen Bahnhof zu besichtigen, aber die Aussicht, den Nachmittag mit Hannah zu verbringen, ließ sie ohne weiteres Zögern zustimmen.

Nach einer Weile brachen sie bestens gelaunt auf und gingen langsam hinüber zum Bahnhof. Marie war dankbar, dass Hannah sie nicht mehr auf die Gumbertstraße angesprochen hatte – und zu ihrer eigenen Überraschung störte es sie auch nicht, dass Hannah als Domina arbeitete. Es schien ihr in diesem Moment ohne die geringste Bedeutung zu sein.

Die nächsten Stunden verbrachte Hannah damit, Marie auf äußerst lebhafte Weise alles Wissenswerte über den Bahnhof zu berichten. Sie zeigte ihr jedes Detail und kannte zu allem eine spannende Geschichte. Marie konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor in ihrem Leben so frei und unbeschwert gewesen zu sein. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie sich zwischendurch immer wieder über so wichtige Themen wie »die Bedeutung von Smileys für die moderne Kommunikation und ihre Auswirkung auf die Gesellschaft« unterhielten. Oder sie stellten sich die noch bedeutendere Frage, ob Linkshänder beim Küssen ihre Nase bevorzugt in eine andere Richtung hielten als Rechtshänder und ob dies möglicherweise negative Folgen für »Mischbeziehungen« hätte. Endlich musste Marie nicht mehr nachdenken, sondern konnte einfach nur sein. Sie musste sich nicht verstellen – und zu ihrer Überraschung schien auch Hannah die Zeit mit ihr zu genießen.

Als beide den Bahnhof verließen, weil sie sich noch das Reiterstandbild vor dem »Kaiser Wilhelm« ansehen wollten, fiel Hannahs Blick zufällig auf die Bahnhofsuhr. Für einen Moment war sie irritiert. »Es tut mir leid. Das hatte ich völlig vergessen. In zwanzig Minuten habe ich einen wichtigen Termin an der Uni. Bist du mir böse? Ich muss sofort los.« Hannah sah noch ein weiteres Mal zur Bahnhofsuhr, um sich zu vergewissern. »Sehen wir uns wieder? Ich weiß noch gar nichts von dir.« Marie konnte kaum reagieren. Alles ging viel zu schnell. Sie brachte gerade noch ein kurzes »Ja. Gerne« heraus, dann war Hannah auch schon in der Menge verschwunden. Kaum eine Minute später tauchte sie überraschend wieder auf, nahm ihren Schal ab und legte ihn Marie um den Hals. »Hier. Als Pfand. Damit wir uns auch ganz sicher wiedersehen.« Sie lachte Marie heiter an, gab ihr einen Kuss auf die Wange und war – diesmal endgültig – in der Menge verschwunden. Marie brauchte eine Weile, um wieder klar denken zu können. Sie wollte fragen, wann und wo sie sich wiedersehen würden, aber als sie sich umsah, war Hannah nirgendwo mehr zu sehen.

Langsam kehrte Marie zurück in ihr Hotel. Sie legte sich auf ihr Bett und ging die Zeit mit Hannah in ihrer Erinnerung noch einmal durch. Immer wieder. An Ewa und Menzer hatte sie in den letzten Stunden nicht ein einziges Mal gedacht. Noch nie zuvor hatte sie sich so lebendig gefühlt. Beinahe erschien es ihr wie ein viel zu schöner Traum. Dann griff sie zu Hannahs Schal und wusste, dass es wirklich geschehen war.

[Kapitel 11 bis 42]