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Realität - Fantasie - Tod

(Überarbeitete Neuauflage August 2017)

Erstveröffentlichung unter dem Titel "Die letzte Nacht" im Jahr 2000 im Teiresias Verlag Köln.


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ISBN: 978-3-7448-9384-8 (Printfassung, A4, 92 Seiten, 9,90€)
ISBN: 978-3-7448-9565-1 (E-Book, 2,99€)

Klappentext

Spielort: Eine verlassene Fabrikhalle (vorzugsweise). Das gesamte Gebäude mit einer Festtafel in der Mitte des Zuschauerraums stellt die Welt der Realität dar – die Bühne die Welt der Fantasie. Der personifizierte Tod als weitere Größe bewegt sich frei in beiden Welten. Der Zuschauer wird – ohne selbst einzugreifen – zu einem Teil der Geschichte. Traumhaft. Real. Beängstigend nah.

Aufführungsrechte

Die Aufführungsrechte liegen bei mir als Autor. Bitte nehmen Sie bei Interesse über diese Webseite Kontakt mit mir auf.


Spielort

Grundsätzlich ist für eine Aufführung jeder Raum geeignet, der groß genug ist, zusätzlich zur Bühne eine Festtafel in der Mitte des Zuschauerraumes unterzubringen. Dies kann ein Theater sein oder auch eine alte Fabrikhalle. Besondere Anforderungen an die Bühnentechnik stellt das Theaterstück nicht.
Einen vereinfachten Grundriss zeigt die folgende Abbildung.

Bühnenbild

Besetzung

Hauptpersonen:

Tochter

18-25 Jahre

Narr

18-25 Jahre

Prinz

18-25 Jahre

Frau

18-25 Jahre

Die drei Welten:

König der Realität

40-70 Jahre

Verwalter

30-60 Jahre

Königin der Fantasie

40-70 Jahre

Tod

40-70 Jahre

Weitere:

Alter Mann

+70 Jahre

Festgesellschaft

 

Wachen

 


Leseprobe

Sie können die folgende Leseprobe auch als PDF-Datei herunterladen:  Akt I (1,4 MB)

Akt i

[Zuschauerraum = Welt der Realität]

(In der Mitte des Zuschauerraums steht eine reich gedeckte Festtafel. Es ist kalt. Dunkel. An der Seite der Tafel sitzt eine junge Frau allein im schwachen Scheinwerferlicht.
Nachdenklich wandert ihr Blick zur Eingangstür im hinteren Teil des Raums und verharrt dort. Sie wirkt erschöpft. In sich gekehrt. Die Arme hat sie schützend um die zum Körper gezogenen Beine gelegt.)

Akt i  Szene 1

Tochter

(Sanft. Sehr nah) Vielleicht, in dieser Nacht … klopfe ich ein letztes Mal, ganz leise, an Ihre Tür. Dann sitzen Sie schweigend in Ihrem Zimmer, inmitten der Dunkelheit, und nur auf die Hände vor Ihnen  … nur auf Ihre Hände fällt noch ein schwaches Licht.

(Langsam wendet Tochter ihren Blick von der Eingangstür ab. Es vergeht einige Zeit, bevor sie weiterspricht.)

Vielleicht … wenn Sie aufstehen …
Sie könnten langsam durch das Zimmer gehen, hinüber zum Fenster. Einfach nur da stehen, am Fenster, und hinaussehen in die Nacht. Hinaussehen auf das Meer. In den dichter werdenden Nebel. Und könnten nicht sicher sein, ob das, was Sie sehen, noch wirklich ist.
Dann weht aus der Ferne ein kalter, grauer Wind – weht vom Norden, durch die verlassenen Straßen  – kommt näher und schlägt hart gegen Ihr Fenster. Klack! Immer härter. Klack! Und für einen kurzen Moment – unendlich weit entfernt – ist ein lautes Lachen zu hören. Dringt durch Ihr Fenster, durch die Nacht. Weht herüber aus den alten Schenken am Hafen.
Und für einen kurzen Moment scheinen Menschen aus allen Teilen der Welt vom Alkohol vereint. Matrosen, die versuchen, ihre Einsamkeit zu vergessen, in den Armen einer … in den Armen … Alte Männer sitzen seit ewigen Nächten auf ihren Bänken und erzählen sich heiser die Vergangenheit. Es wird gelacht. Viel zu laut!

(Sieht sich lange im Zuschauerraum um. Sucht Blickkontakt.)

Vielleicht, in dieser Nacht, werden Sie sich fürchten, neben mir, in der Dunkelheit. Und wenn Sie sich fürchten … wenn Sie frieren … zum ersten Mal wieder die eigene Nähe spüren … dann werden Sie sich wehren müssen. Dann ist es kalt, draußen, in meinen Straßen. Es ist feucht. Nur unsere eigenen Schritte werden noch zu hören sein. Unser Atem. Ganz still.
Die Schritte klingen hell, auf dem nassen Asphalt. Ersticken dumpf, im dichter werdenden Nebel. Nirgendwo ein Licht. Nur gelegentlich die grauen Umrisse einzelner Gebäude: Halb verfallene Fabriken. Ein alter Bahnhof.
Es riecht nach vermodertem Holz. Nach verwittertem Stein. Und mit einem süßlichen Geruch hat sich der Nebel wie ein Leichentuch über die Stadt gelegt.
Wir gehen durch die verlassenen Straßen. Immer weiter! Gelbschwarz verdorrte Bäume breiten weit ihre Äste aus – wie Arme, die uns aufzuhalten versuchen. Straßen, die sich lautlos im dichten Nebel vor uns verstecken. Aber irgendwann … wenn wir lange genug gegangen sind … Irgendwann sind aus der Ferne leise Schritte zu hören. Zuerst nur wenige, dann immer mehr. Wir kommen näher und begegnen Menschen, die wie wir …

(Bricht ab und sieht sich suchend im Zuschauerraum um.)

Es ist nicht mehr still, Vater. Hörst du? Nicht mehr kalt, in deiner Nähe. Inmitten all der Menschen. Es ist auch nicht mehr dunkel. Da vorne, am Ende der Straße, ist schon ein erstes Licht zu sehen.

(Lächelt angestrengt.)

Noch ist er nur ein blasser, milchig weißer Fleck, aber langsam beginnt er zu wachsen. Wächst weiter. Immer weiter! Die Schritte um uns herum werden lauter und von allen Seiten schließen sich uns Menschen an. Immer mehr Lichter entstehen und der Nebel vor uns reißt langsam auf. Nach und nach sind einzelne Fenster zu erkennen. Immer mehr Fenster! Unzählige Fenster, inmitten der Dunkelheit. Wir kommen näher und vor unseren Augen entsteht ein gewaltiger, von Licht durchströmter Palast.
(Zum Publikum) Die Schritte … Hören Sie? Die Schritte sind jetzt neben uns. Hinter uns. Die Menschen schieben uns immer weiter, drängen uns unaufhaltsam in den Palast hinein! Vor uns öffnen sich hohe, weite Räume und wir tauchen ein, in den Palast. Tauchen ein, in die Wärme. Immer weiter tauchen wir ein.

(Von draußen ist leise Festmusik zu hören. Tochter sieht nach hinten in Richtung Eingangstür.)

(Angestrengt) Sie werden reich geschmückten Männern begegnen. Frauen in aufwendigen Kostümen. Mit Perücken und weiß gepuderten Gesichtern. Lakaien treten Ihnen zur Begrüßung entgegen und sprechen zu Ihnen in einer Sprache, die Sie nicht verstehen: Sie werden Gast am Hofe eines mächtigen Königs, in einer längst vergangenen Zeit.
Es wird gelacht. Getanzt. Von überall her ist Musik zu hören! Heitere, unbeschwerte Musik. Eine festliche Gesellschaft, die sich von allem befreit hat, was die Freude dem Leben fernhalten könnte. Gefangen nur noch im Augenblick … vom Spiel der Kerzen … in unzähligen Spiegeln, deren Licht sich in jedem Augenblick tausendfach bricht!

(Die Musik wiederholt sich. Wird immer lauter. Schneller. Aggressiver.)

Sie sehen Spiegel. Immer wieder Spiegel. In allen Formen und Größen! Eine Gesellschaft, die sich an sich selbst vergnügt und im Laufe der Zeit immer mehr darin gefällt. Ein Fest der Lebensfreude und der Eitelkeit. Beides im selben Augenblick. Beides … Ich …

(Es gelingt Tochter immer weniger, sich gegen die Musik zu wehren.)

Irgendwann werden Sie einem Graf begegnen, der Ihnen von seinen galanten Abenteuern erzählen wird. Von Abenteuern, die er ganz sicher verschweigen würde, wenn er die Frauen wirklich lieben könnte. Ein anderer Mann – wieder ein Mann – prahlt von seinen Besitzungen … deren Herr er schon seit Langem nicht mehr ist, weil er sein Geld für Wichtigeres (Mühsam) nicht benötigte.

(Die Musik beginnt zu taumeln.)

Sie begegnen Männern der Kirche, die die Macht ihres Glaubens gegen den Glauben an die Macht eingetauscht haben. Sie sehen Frauen, die schmeicheln. Denen geschmeichelt wird. Für eine Umarmung – oder mehr. Ich …
Ein … Graf, der kein Graf ist, sondern … nur … (Laut. Abwehrend) Ich.

(Die Musik taumelt weiter.)

(Noch lauter) Ich!

(Die Musik bricht ab. Es ist wieder still. Nur sehr langsam findet Tochter zu sich.)

(Leise) Irgendwann beginnt die Musik, sich zu wiederholen. Wiederholt sich … Wie ein Karussell, das sich schneller dreht und schneller. Immer schneller. Bis es mich abwirft! Dann scheint Ihnen das alles wie ein Traum und ist doch meine Wirklichkeit: Dieser Palast. Die Tafel. Der Ort, an den ich geflohen bin: Eine ganz eigene Welt!
Dann ist der König dieser Welt … der König der Realität. Und feiert mit tausend Gästen. Im Schein von tausenden Kerzen. Mit tausend Gästen, die langsam verglühen.

(Sieht nach vorne zur Bühne.)

Und die Welt der Fantasie ist nur eine Bühne, weit entfernt. Nur ein schwaches Licht, inmitten der Dunkelheit.
(Leise) Und mein Vater … ist der Tod. Das Schweigen. Für immer … das Schweigen.

(Sieht sich lange um. Sucht Blickkontakt zu einzelnen Zuschauern.)

(Lächelt schwach) Vielleicht, in dieser Nacht, klopfe ich ein letztes Mal, ganz leise, an Ihre Tür. Dann sitzen Sie allein, inmitten der Dunkelheit, und nur auf Ihre Hände …

(Hält ihre Arme in das schwache Scheinwerferlicht. Betrachtet sie nachdenklich.)

Dann ist es, als wäre ich der einzige Mensch in diesem Palast. Und wäre allein, inmitten der Stille. Als wäre ich lebendig und alle anderen spielten nur eine Rolle. Dieses Fest … Es hört nie auf. Nur die Gäste wechseln, von Zeit zu Zeit. Und vielleicht …

(An einer Seitentür nahe der Bühne sind Geräusche zu hören. Tochter sieht auf.)

Vater?

(Keine Antwort.)

Ich weiß, dass du da bist!

(Zwei Männer betreten zögernd den Zuschauerraum.)

Nein. Ich will nicht!

(Sieht zur Seitentür.)

Nein! Dieser Raum gehört mir. Nur mir allein!

(Prinz bleibt an der Bühne stehen und sieht sich um: Ein breiter Mittelgang verbindet Haupteingang, Festtafel und Bühne miteinander. Die Bühne ist aus dem Zuschauerraum über einige Stufen zu erreichen. Die Stühle der Festtafel sind zur Bühne gerichtet. Inzwischen hat der Narr den Mittelgang erreicht. Von draußen ist wieder leise Festmusik zu hören. Narr bleibt stehen.)

Akt i Szene 2

Prinz

Was hast du?

Narr

Ich weiß es nicht. Dieser Palast ist anders. Anders als jeder Ort, seit wir unser Land verlassen haben. Vielleicht war es keine gute Idee, den Palast durch seinen Hintereingang zu betreten. (Sanft herausfordernd) Aber ich bin auch nur der Narr, der Euch auf Eurer Reise begleitet.

Prinz

Du weißt, dass du mehr bist als nur ein Narr.

Narr

(Lächelt) Ja. Vielleicht.

(Narr bleibt stehen und betrachtet Prinz, der sich weiter umsieht. Als der Prinz bemerkt, dass der Narr ihn beobachtet, muss er lächeln.)

Ihr vermisst sie, nicht wahr?

(Keine Antwort.)

Die Frau, die uns für einige Zeit auf unserer Reise begleitet hat?

(Keine Antwort.)

Ihr erinnert Euch an sie?

Prinz

Wir müssen weitersuchen.

Narr

(Lächelt) Ja. Wir müssen weitersuchen.

(Narr geht weiter.)

Prinz

Du hast recht. Vielleicht ist dieser Palast anders.

(Narr sieht sich kurz um.)

Und ja: Ich vermisse sie.

(Narr erreicht die Tafel. Tochter und Narr sehen sich lange an. Nähe zwischen beiden spürbar. Narr erkennt, dass Tochter friert. Zieht seine Jacke aus und reicht sie ihr. Tochter ist irritiert. Als hätte sich noch nie jemand um sie gesorgt.)

Akt i Szene 3

Tochter

(Zögernd) Danke.

(Narr lächelt. Tochter erwidert sein Lächeln vorsichtig. Die Festmusik wird lauter. Tochter sieht nachdenklich zur Eingangstür. Hat sich wieder gefangen.)

Ihr könnt hier nicht bleiben.

Narr

Warum nicht?

(Prinz tritt an die Seite von Narr.)

Tochter

Der König wird bald zurückkehren. Ihr solltet gehen, bevor man Euch an seiner Tafel entdeckt.

Prinz

Vielleicht kann der König mir helfen.

Tochter

Warum sollte er das tun? Ihr … Nein.

(Betrachtet Prinz und Narr genau.)

Ihr beide seid nicht von hier.

Prinz

Wie kommt Ihr darauf?

Tochter

Sonst würdet Ihr es wissen.

(Prinz versteht nicht.)

Wer immer einen Weg in diesen Palast sucht, muss sich selber einladen. Er muss sich dann aber auch selber einen Platz suchen, an der Tafel des Königs. Und er muss diesen Platz mit allen Mitteln verteidigen.

(Tochter sieht sich im Zuschauerraum um.)

(Hart) Niemand in diesem Palast wird Euch helfen. Es sei denn, er könnte seinen Nutzen daraus ziehen. Das Leben an dieser …

(Bricht ab, als sich die Eingangstür öffnet und ein grelles Licht in den Zuschauerraum fällt.)

Prinz

Und der König?

Tochter

(Lächelt) Der König wird Euch misstrauen. Nur deshalb ist er an der Macht.

Prinz

Dann wird er mich nicht anhören?

Tochter

Natürlich wird er Euch anhören. Er muss wissen, ob Ihr ihm nützlich sein könnt.

Prinz

Nützlich? Wobei?

Tochter

Nützlich, seine Macht zu vergrößern. Ist es nicht das, worum es den Menschen zumeist geht?

(Lärmend bricht eine ausgelassene Festgesellschaft in den Zuschauerraum ein. Erst als die Tafel erreicht ist, wird die Tür ganz geöffnet und das Licht fällt auch auf die Tafel. Langsam verstummt die Festgesellschaft. Die Eingangstür schließt sich wieder. Licht nur noch auf Tafel und Umgebung. Verwalter tritt langsam vor.)

Akt i Szene 4

Verwalter

Wer seid ihr?

(Keine Antwort.)

Narr

Wir sind auf der Suche nach dem König.

Verwalter

Ihr sucht den König?

Prinz

Ja. Den König.

Verwalter

Habt Ihr deshalb den Palast durch seinen Hintereingang betreten? Weil Ihr hofftet, ausgerechnet dort dem König zu begegnen?!

Narr

Nein. Aber auf welchem Weg hätten wir dem König sonst unseren Respekt bezeugen können?

Verwalter

Euren Respekt?

Narr

Hätten wir Euren König nicht auf jedem anderen Weg in die unangenehme Lage gebracht, sein Fest für die Ankunft des Prinzen unterbrechen zu müssen? Ein Fest, (ironisch) das so voller Lebensfreude war?

Verwalter

(Zu Prinz) Dann seid Ihr ein Prinz?

(Prinz nickt zustimmend.)

(Zu Narr) Und wer seid Ihr?

Narr

Ich bin nur ein einfacher Narr, der seinen Prinz auf einer langen Reise begleitet.

Verwalter

Ein Narr?

(Verwalter betrachtet Narr prüfend. Der lächelt ihm zu, geht auf einen Stuhl zu und setzt sich wie selbstverständlich.)

Und mit welchem Recht setzt sich ein Narr ungebeten an die Tafel eines Königs?!

Narr

Ihr als sein Verwalter müsstet es eigentlich wissen: Folgt nicht das Recht immer der Tat? Muss man sich an dieser Tafel nicht zuerst nehmen und dann fragen? Zumindest erzählt man sich es so. (Herausfordernd) Außerdem bin ich sicher nicht der erste Narr, der seinen Platz an der Tafel Eures Königs gefunden hat.

(Zum ersten Mal muss Tochter lächeln. Narr sieht langsam zu König, der noch im Hintergrund steht. Steht auf und verneigt sich.)

Mein König.

König

Ihr wisst, wer ich bin?

Narr

(Freundlich. Hintersinnig) Ich wäre ein Narr, wenn ich einen König nicht erkennen würde.

König

Du bist ein Narr.

Narr

(Heiter) Ja. Aber manchmal vergesse ich mich.

König

(Lächelt) Und ich wäre ein Narr, wenn ich dich nicht bestrafen würde.

Narr

Bestrafen? Nein. Ich glaube nicht, dass Ihr das tun werdet.

König

Und warum nicht?

Narr

Ein König, der seinen Gästen eine Tafel wie diese bereitet, muss ein großzügiger Mann sein. Oder aber er benutzt die Maske des Wohltäters, um hinter ihr seine wahren Absichten zu verstecken. Würde er sich dann nicht selbst die Maske vom Gesicht reißen, indem er mich bestraft?

König

Und wenn es dem König nichts ausmachen würde, sich auf diese Weise zu entlarven? Weil er so mächtig ist, dass ihn die Meinung anderer nicht interessieren muss?

(Pause.)

(Zur Festgesellschaft) Setzt Euch. (Nachdrücklich) Setzt Euch!

(Der König setzt sich. Bis auf den Prinz folgen alle seiner Aufforderung.)

(Zu Prinz) Ihr seid meinem Verwalter noch eine Antwort schuldig: Wenn Ihr ein Prinz seid, warum habt Ihr dann meinen Palast durch seinen Hintereingang betreten? Es hätte sicher auch einen anderen Weg gegeben.

(Keine Antwort. Stille. Mit Ausnahme von Tochter und Narr scheinen alle erstarrt. Narr wird sich dessen langsam bewusst. Er und Tochter sehen sich lange an.)

Narr

(Sehr nah) Du kannst die Zeit anhalten?

(Keine Antwort.)

Wer bist du?

Tochter

(Hart) Die Tochter eines mächtigen Mannes.

(Narr sieht zu König.)

Nein. Nicht seine Tochter.

Narr

Und warum bin ich nicht erstarrt?

Tochter

Ich weiß es nicht. Du bist anders.

Narr

(Freundlich) Ich bin nur ein Narr, der seinen Prinzen auf einer langen Reise begleitet.

Tochter

Nein. Du nimmst mich wahr. Das hat noch nie jemand.

(Tochter und Narr sehen sich erneut lange an. Sind sich sehr nah.)

Ist es wichtig?

Narr

Was?

Tochter

Dass der Prinz das Ziel seiner Reise erreicht?

(Narr nickt zustimmend.)

Und der König kann ihm helfen?

Narr

Wenn nicht, wird der Prinz sein Leben verlieren …

Tochter

Sein Leben?

(Sieht sich langsam um. Nach und nach lösen sich alle wieder aus ihrer Erstarrung.)

König

Ihr … (Scheint kurz irritiert) seid mir noch eine Antwort schuldig: Warum habt ihr meinen Palast durch seinen Hintereingang betreten?

Prinz

Weil ich mir nicht sicher sein konnte, dass Ihr mich empfangen würdet.

König

Dann seid Ihr kein Prinz?

Prinz

(Ruhig) Mein Vater ist ein König und ich bin sein Sohn. – Ja. – Aber Ihr müsst wissen: Ich komme aus einem Land … Niemand, dem ich bisher auf meiner Reise begegnet bin, hat jemals davon gehört. Vielleicht wollte ich Euch deshalb auch zuerst nicht begegnen. Ich war mir nicht sicher, wie Ihr reagieren würdet. Wie könntet Ihr glauben, dass ich ein Prinz bin, wenn Ihr das Land, aus dem ich komme, unmöglich kennen könnt?

König

Seid beruhigt: Wenn es dieses Land gibt, kenne ich es.

Prinz

Mein Land?

König

Ja. Euer Land. Oder genauer: Jedes Land.

(Prinz versteht nicht.)

Solltet Ihr wirklich nicht wissen, vor wessen Tafel Ihr steht? Und wessen Palast dies ist? (Leicht bedrohlicher Unterton) Ich bin nicht irgendein König. Ich bin Euer König wie der Eures Vaters! Ich bin König an dieser Tafel. In diesem Palast. An jedem Ort, den Ihr auf Eurer Reise gesehen habt: Ich bin der König der Realität! Und Ihr … seid ein Teil meiner Welt.

Prinz

Der König der Realität?

König

Ja. Der König der Realität. Euer König – wie der Eures Vaters. Also: Wer seid ihr? Und wo kommt Ihr her?

Prinz

Ich bin mir nicht sicher, ob Ihr mir meine Geschichte glauben werdet, wenn ich sie Euch erzähle.

König

Es wäre klug, eine Erklärung zumindest zu versuchen.

(Prinz stimmt schweigend zu.)

Prinz

(Nachdenklich) Ich komme aus einem Land, weit entfernt von diesem Palast. Unerreichbar für jeden Eurer Gäste. Es ist lange her, dass ich mein Land verlassen habe. Beinahe ein ganzes Leben lang.

Tochter

(Zu sich. Leise) Ein ganzes Leben?

Prinz

Ich habe auf meiner Reise jeden Ort gesehen. Jede Stadt. Jedes Dorf. Immer wieder bin ich dabei Menschen begegnet, für die galt, dass ein Fremder ein Freund ist, zehn Fremde aber eine Grenze bauen. Jetzt stellt Euch vor, dass ein Land noch nie von einem Fremden betreten wurde, weil es von Bergen umschlossen war, die jeden Weg dorthin versperrt haben. Dann gibt es keine Grenzen, keine von Menschen gemachten Grenzen. Dann gibt es auch keine Notwendigkeit, sein Land zu verteidigen. Keine Notwendigkeit, dem Land, welches man verteidigt, einen Namen zu geben. Ich habe vor langer Zeit ein Land verlassen, das Euch fremd sein wird – auch wenn Ihr mein König seid. (Lächelt) Ein Land, in dem an jedem Tag die Sonne schien. Ohne Ausnahme.

Verwalter

(Sarkastisch) Ihr seid zu beneiden.

(Prinz betrachtet Verwalter. Erkennt dessen Ignoranz. Lächelt.)

Prinz

Ein Land inmitten von Bergen, die so gewaltig waren, dass selbst der Wind sie nicht überqueren konnte. Und weil es keinen Wind gab … auch keinen Regen! Ein Land, das deshalb kaum jemals genug Wasser hatte. Gerade genug zum Überleben.

Verwalter

Zu mehr nicht?

Prinz

Manchmal auch zu mehr. Aber manchmal bedeutet Überleben schon alles, was ein Mensch erreichen kann.

(Verwalter versteht nicht. Prinz deutet auf ein Glas.)

Seht Ihr das Glas, das vor Euch auf der Tafel steht? Habt Ihr nie darüber nachgedacht, wie der Wein, den Ihr trinkt, in dieses Glas gelangt ist? Dass Ihr Wasser braucht, damit die Trauben wachsen können, aus denen der Wein gemacht wird? Dass es keine einzige dieser Speisen gäbe? Die Tafel nicht, an der Ihr sitzt? Die Kleidung? Dass es Euch nicht geben würde? Vielleicht kann ich sogar verstehen, dass Euch einfaches Wasser nicht interessiert, solange das Glas in Eurer Hand mit Wein gefüllt ist. In meinem Land hätte sich lange Zeit niemand für Euren Wein interessiert!

Narr

(Sanft herausfordernd) Ein tristes Land.

Prinz

(Lächelt. Ernst) Ja. Vielleicht. In den Augen eines Narren?

König

Warum habt Ihr Euer Land dann verlassen?

(Prinz zögert kurz. Wird wieder ernst.)

Prinz

Warum ich es verlassen habe? Eines Tages kam ein Fremder zu uns. Niemand hat ihn gesehen. Nicht, wie er die Berge überquerte, und auch nicht, wie er den Palast meines Vaters erreichte. Ein Palast inmitten des Landes! Er war einfach da, stand vor den Toren des Palastes und bat darum, eingelassen zu werden.

König

Und was habt ihr gemacht?

Prinz

Wir behandelten ihn, wie man einen Gast behandeln sollte: Wir gaben ihm zu essen. Zu trinken. Von allem, was wir hatten. Er hat nicht sehr viel geredet, trotzdem schien er ein freundlicher, alter Mann zu sein.

Tochter

Ein … alter Mann?

Prinz

Nach einiger Zeit trat er zu meinem Vater und bedankte sich für den freundlichen Empfang. Dann verlangte er von meinem Vater die Macht über unser Land, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres, das er hätte verlangen können. Er forderte König zu sein und war nur ein einzelner, alter Mann – ohne jede Art sichtbarer Macht. Er war ohne Armee zu uns gekommen. Ohne Waffen! Aber er schien sich seiner Sache so sicher, dass niemand es gewagt hätte, über ihn zu lachen, als wäre er nur ein verwirrter alter Mann, der nicht mehr wüsste, was er sagte.

Tochter

Er ist nicht verwirrt. Er ist der …

(Prinz sieht zu Tochter. Tochter bricht ab.)

König

Und was hat Euer Vater geantwortet?

(Prinz noch immer von Tochter irritiert. Sieht langsam wieder zu König.)

Prinz

Er hat die Forderung abgelehnt.

König

Und dann?

Prinz

Dann machte der Fremde uns ein Geschenk.

König

Ein Geschenk?

Prinz

Ja. Ein Geschenk.

(Prinz verliert kurz den Faden.)

Narr

Ein trojanisches Pferd.

(Prinz betrachtet nachdenklich Narr.)

Prinz

Ja. Eine Art … trojanisches Pferd.

(Prinz sieht wieder zu König.)

Er gab uns Wasser. Wasser im Überfluss. Mehr, als wir jemals hätten verbrauchen können. Ganz gleich, wie viel Wasser wir uns auch nahmen: Von diesem Moment an blieben die Brunnen in meinem Land stets gefüllt! Weil die Menschen in meinem Land aber nichts von dem Fremden wussten, sahen sie nur das Wasser und irgendwann kamen sie zum Palast meines Vaters, um von ihm eine Erklärung dafür zu erhalten. Für etwas, das sie ein Wunder nannten. Für etwas, das sie ein Wunder nennen mussten! Sie waren auf dem Weg zu meinem Vater, aber an seiner Stelle trat der Fremde ihnen entgegen. Er erzählte ihnen … Es ist nicht wichtig, was er den Menschen in meinem Land erzählte – nur, dass mein Vater von nun an die Macht über alles Wasser in seinen Händen halten würde. Und mein Vater … Er widersprach nicht, als er hätte widersprechen müssen.

Verwalter

Warum hätte Euer Vater ihm widersprechen sollen? Hat der Fremde nicht sogar die Macht Eures Vaters gesichert, indem er ihn für den neu gewonnenen Reichtum verantwortlich machte?

Prinz

Genau das dachte ich am Anfang auch. Aber wenn von einem Moment zum nächsten aus einem kargen Land ein fruchtbares Land wird … wenn Menschen Wasser sehen, das nie versiegt … Wir glaubten, in einem Paradies zu leben, aber …

König

Ist es nicht das, wonach die meisten Menschen suchen?

Prinz

Nein. Ihr versteht mich nicht! Es gab genug zu essen. Genug zu trinken. Wir mussten auch nicht mehr dafür arbeiten. Wir lebten in einem Paradies! Nur, dass es keine von Menschen gemachten Paradiese gibt – auch keine von Menschen erdachten! Wir hatten den alltäglichen Kampf um unser Überleben nur gegen einen anderen Kampf eingetauscht: Den Kampf gegen die Zeit. Die Menschen in meinem Land begannen sich zu langweilen. Sie langweilten sich und merkten es nicht einmal. Die meisten waren verzweifelt, aber sie schrien stumm – konnten weder ihre eigene Verzweiflung hören noch die der anderen. Dann kam der Fremde ein zweites Mal zu meinem Vater. Und wieder verlangte er die Macht über unser Land.

König

Aber Euer Vater lehnte ab?

Prinz

Ja. Er lehnte ab.

König

Und der Fremde?

Prinz

Noch im selben Augenblick nahm er sein Geschenk zurück. Von einem Moment zum nächsten gaben die Brunnen nur noch so viel Wasser, wie wir zum Überleben unbedingt benötigten. Genau die Menge an Wasser, wie vor seiner Ankunft.

Verwalter

(Überrascht) Der Fremde gab auf?

Prinz

(Lächelt angestrengt) Nein. Er entstieg dem trojanischen Pferd.

(Sieht sich nachdenklich um.)

Es schien nur so, als wären die alten Verhältnisse wiederhergestellt, aber im Laufe der Zeit hatten die Menschen sich verändert. Sie kamen mit dem wenigen Wasser jetzt nicht mehr aus! Und weil sie sich so sehr daran gewöhnt hatten, dass die Brunnen jederzeit gefüllt waren, versammelten sie sich erneut vor dem Palast meines Vaters. Sie kamen zu meinem Vater und verlangten von ihm, das Wasser wieder freizugeben. Sie forderten. Sie drohten! Sie meinten, mein Vater würde die Macht über das Wasser besitzen. Die Macht über alles Wasser! Denn so hatte der Fremde es ihnen erklärt. (Zu Verwalter) Und mein Vater hatte ihm nicht widersprochen, als er hätte widersprechen müssen. Der Fremde hielt die Macht über unser Land bereits in seinen Händen. Er musste sie nicht mehr von meinem Vater verlangen. In diesem Moment hätte es genügt, vor die Menge zu treten und den Menschen zu versprechen, all ihre Forderungen zu erfüllen – oder ihnen auch nur einen Schuldigen zu nennen.

Verwalter

Meint ihr wirklich, es wäre so einfach …

Prinz

(Unerwartet hart) Ja. Es ist so einfach! Ihr seid der Verwalter des Königs. Ihr müsst es wissen. Dieser fremde Mann … Er hätte sich die Macht einfach nehmen können. Er hätte mein Land zerstören können, aber er tat es nicht. Er schien überhaupt nicht an der Macht über unser Land interessiert zu sein!

König

Nicht interessiert?

Prinz

Nein.

Tochter

Er hat nur nach einem Einsatz gesucht.

König

Einen Einsatz? Wofür?

(Keine Antwort. Inmitten der Dunkelheit steht aus dem Publikum unauffällig ein ganz in schwarz gekleideter Mann auf und tritt in der Nähe der Bühne in den Mittelgang.)

Wofür?!

Prinz

Er hat mir ein Angebot gemacht.

Verwalter

Ein Angebot? Ihr wollt uns erklären, dass der Fremde ohne einen Grund auf seine Macht verzichtet hätte?

Prinz

Ich sollte mein Land verlassen und mich auf eine lange Reise begeben. Auf eine sehr lange Reise.

Verwalter

Ihr sprecht mit dem König der Realität!

Prinz

Ich sollte mich auf die Suche begeben …

Verwalter

Ihr sprecht mit dem König der Realität! Erwartet Ihr wirklich, dass man Euch glaubt?!

(Bis auf Tochter erstarren alle in ihrer Bewegung. Tochter sieht sich um.)

Tochter

Vater?

(Tod tritt ins Halbdunkel und sieht sich lange um. Schweigend betrachtet er Tochter. Auf ein Zeichen von ihm lösen sich alle aus ihrer Erstarrung.)

Verwalter

Erwartet Ihr wirklich, dass man Euch glaubt?! In dieser Welt? An der Tafel des Königs?! Ihr erzählt von einem Land ohne Namen. Von einem Fremden, der aus dem Nichts erscheint. Der auf die Macht über Euer Land verzichtet, nur damit Ihr Euch auf eine Reise begebt!

(Pause. Stille. Alle sehen zu Tod.)

Ein Fremder …

(Verwalter erkennt, dass ihm niemand mehr zuhört. Tod wartet noch immer im Hintergrund zwischen Bühne und Tafel.)

Ihr steht vor dem König!

Akt i Szene 5

Tod

Und doch sagt er die Wahrheit.

(Tod tritt langsam in das Licht, ohne dass der Prinz ihn wahrnimmt.)

Verwalter

Die …?

König

Ja. Die Wahrheit.

(Bedrohliche Stille.)

Prinz

Der Fremde machte mir ein Angebot. Ich sollte mein Land verlassen, um mich auf eine Reise zu begeben. Eine sehr lange Reise, wie er meinte. Ich sollte mich auf die Suche machen … (Unsicher) auf die Suche nach dem Ende meiner Welt. Wenn ich dieses Ziel erreichen würde, wollte er mir einen Wunsch erfüllen: Auch den, aus meinem Land wieder das zu machen, was es vor seiner Ankunft war. Ich müsste nur mein Ziel erreichen … und es selbst als das Ziel meiner Reise erkennen. Kein Mensch dürfte mir dabei helfen. Für meine Reise sollte ich drei Leben erhalten. Drei Leben? Was ist das für ein Angebot?!

Tod

Und habt Ihr Euer Ziel erreicht?

(Prinz bemerkt Tod erst jetzt.)

Prinz

Mein Ziel?

Tod

Das Ziel Eurer Reise: Habt Ihr es erreicht?

Prinz

Nein.

(Prinz sieht sich nachdenklich um.)

Dieser Palast … Diese Tafel ist der einzige Ort, an dem ich noch nicht gewesen bin, auf meiner Reise. Aber ich fürchte, es ist nur ein weiterer Ort. Nur ein … weiterer Ort.

Tod

Dann habt Ihr Euer Ziel nicht erreicht?

Prinz

Nein. Ich habe mein Ziel nicht erreicht.

Tod

Und seid Ihr alt geworden, auf Eurer Reise?

Prinz

Ja. Ich bin alt geworden. Aber wer …

(Prinz sieht fragend zu Tod. Begreift nur langsam, wer vor ihm steht.)

(Zu sich) So viele Jahre …?

Tochter

(Leise. Bitter) Wenn Ihr den Fremden sucht … den alten Mann, der vor langer Zeit Euer Land betreten hat, dann seht ihm in die Augen. Alles andere ist Verkleidung. Alles andere … So viele Masken und kein wahres Gesicht!

Prinz

Ihr seid …?

Tod

Ja. Ich bin der Tod – eine von drei Welten. Ich bin der Fremde. Der einzige Fremde, den ein Land zu fürchten hat! (Zu Verwalter) Seht mich an: Ich bin wirklich. So wirklich, dass Ihr mich berühren könntet. (Lächelt) So wirklich, dass ich Euch berühren könnte.

(Betrachtet lange Prinz, der vollkommen in sich gekehrt scheint.)

Es ist lange her, dass wir uns das erste Mal begegnet sind. Ein ganzes Leben lang! Ich habe Euch begleitet, auf Eurer Reise, aber jetzt seid ihr alt geworden.

Prinz

Ja. Ich bin alt geworden.

Tod

Ihr habt von mir für Eure Reise drei Leben erhalten und nun bin ich gekommen, Euch eines davon wieder zu nehmen.

(Tod geht langsam in Richtung Bühne in die Dunkelheit. Bleibt stehen. Sieht sich zu Prinz um.)

Wir werden uns wiedersehen. Und vielleicht sehen wir uns schon sehr bald. Noch bleiben Euch zwei Leben für Eure Suche. Nutzt sie gut. Menschen gehen allzu verschwenderisch mit ihrer Zeit um.

Prinz

Wohin geht Ihr?

(Tod will weitergehen.)

Wartet!

(Tod wendet sich noch einmal Prinz zu.)

Wie geht es … meinem Vater?

Tod

Eurem Vater?

(Tod zögert, als sein Blick auf Tochter trifft. Beide sehen sich lange an. Tod lächelt.)

Was immer ihr auch tut: Er wird immer Euer Vater sein.

(Tod geht ab. Bedrückende Stille. Prinz wirkt orientierungslos.)

Akt i Szene6

Tochter

Was habt Ihr jetzt vor?

Prinz

Ich weiß es nicht. Ich bin ein Leben lang durch diese Welt gereist. Aber jetzt …

Tochter

Warum bittet Ihr nicht den König, dass er Euch bei Eurer Suche hilft.

Prinz

Den König? Nein. Er könnte mir sicher nicht helfen.

Tochter

Niemand in dieser Welt wird alleine gegen den Tod bestehen können. Auch Ihr nicht.

Narr

Nein. Aber wenn es ein Fehler war, nach einem Ort als Ziel der Reise zu suchen? Wenn es genau darum nicht ging?

Tochter

Wie meinst du das?

(Narr fällt es schwer, weiterzusprechen. Spürt, dass er Tochter verletzen wird.)

Narr

(Zu Prinz) Ihr habt in jedem Land, in jeder Stadt, in jedem Dorf gesucht. Wir haben dabei jeden Berg bestiegen, jedes Meer befahren und jede Wüste durchquert. Trotzdem habt Ihr ein Leben verloren. Vielleicht war es ein Fehler, zu glauben, dass das Ziel Eurer Reise in dieser Welt zu finden sei.

Prinz

In dieser Welt? Nein.

(Prinz schaut sich nachdenklich um. Tochter und Narr sehen sich währenddessen lange an. Tochter erkennt Absicht Narr.)

Tochter

(Leise. Zu sich) Ihr wollt gehen?

Narr

(Sanft. Traurig) Es ist nicht meine Entscheidung. Ich bin nur ein Narr, der seinen Prinz auf einer langen Reise begleitet.

(Betrachtet nachdenklich Prinz.)

Erinnert Ihr Euch? Es ist noch nicht lange her, dass wir einer Frau begegnet sind, die uns von einer anderen Welt erzählt hat. Sie war etwas ganz Besonderes.

Tochter

Etwas Besonderes?

Narr

(Mit kurzem Blick auf Tochter. Sanft) Ja.

(Sieht langsam wieder zu Prinz.)

Weil sie nie nur das glauben wollte, was sie sah. Die genau wie wir auf der Suche war. Sie war …

(Prinz begreift langsam.)

Verwalter

(Zu Prinz) Von wem spricht er?

Prinz

(Nachdenklich) Er spricht von einer Frau, die uns für einige Zeit auf unserer Reise begleitet hat. Irgendwann haben sich unsere Wege dann wieder getrennt. Irgendwann …

Narr

Sie war etwas Besonderes.

Prinz

(Zu sich) Ja. Sie war etwas Besonderes. Unscheinbar. Schüchtern. Auf der Suche … (Lächelt) Zerbrechlich wie brüchiges Eis. Und trotzdem stark genug, jede Last zu tragen. Ich bin noch nie einer Frau wie ihr begegnet.

(Prinz wirkt irritiert. Verloren.)

Irgendwann haben sich unsere Wege wieder getrennt, weil wir nicht das gleiche Ziel hatten. Weil wir ein Ziel hatten und sie nicht. Unser Weg hat uns an diese Tafel geführt und ihr Weg …

Narr

Ihr Weg?

Prinz

Sie war auf der Suche nach einer anderen Welt. Sie hat mir oft davon erzählt, aber ich dachte immer … Ich …

(Sieht sich um. Als hätte er etwas begriffen.)

Vielleicht habe ich nie wirklich verstanden, was sie mir hat sagen wollen. Oder ich habe ihr nie wirklich zugehört. Ich dachte, ich wäre einzig und allein ein Teil dieser Welt und konnte mir nicht vorstellen … Ich wollte mir nicht vorstellen, dass es auch noch etwas anderes geben könnte! Jetzt bin ich dem Tod begegnet und frage mich …

Narr

… ob Ihr Eure Suche nicht in der Welt fortsetzen solltet, von der die Frau euch erzählt hat?

(Prinz stimmt schweigend zu.)

In der Welt der Fantasie?

Verwalter

Sie wird Euch nicht helfen können.

Prinz

Sie?

Verwalter

Die Königin.

(Prinz versteht nicht.)

König

Ihr habt noch nie von ihr gehört?

(Prinz schüttelt den Kopf.)

Die Königin der Fantasie! Sie ist der Grund, warum es die Menschen immer wieder in ihre Welt zieht. Der Mittelpunkt ihrer Welt! Vielleicht noch mehr, als ich der Mittelpunkt dieser Welt bin. Aber sie wird Euch nicht helfen können. Sie wird Euch dazu bringen, nach Dingen zu suchen, die Euch immer weiter vom Ziel Eurer Reise abbringen werden. Weil sie wie ein Dieb den Menschen die Zeit stiehlt. Die Königin ist eine wunderschöne Frau, die jeden Menschen für sich einnimmt. Jeden, der ihr begegnet. Die jeden verführt. Sie wird Euch bei der Hand nehmen. Sie wird Euch in ihrer Welt umherführen und am Ende …

Prinz

Am Ende?

Tochter

(Hart) Ihr werdet nur Eure Zeit sinnlos vertun.

Prinz

Meine Zeit?

(Sieht sich um.)

Ich habe ein ganzes Leben damit verbracht, von einem Ort zum nächsten zu reisen. Immer auf der Suche … Vielleicht, wenn dies meine Welt ist … vielleicht brauche ich einfach nur für einige Zeit Abstand von ihr, um das Ziel meiner Reise zu erkennen.

Tochter

(Leise) Und werdet dabei Eure Nähe verlieren.

(Narr sieht nachdenklich zu Tochter.)

Prinz

Vielleicht brauche ich einfach nur etwas Abstand.

König

Ihr wollt meine Welt verlassen?

Prinz

Eure Welt? Nein. Aber vielleicht kann ich meinen Weg nur in der Welt der Fantasie finden. Hier habe ich schon überall gesucht.

(Sieht sich lange im Zuschauerraum um.)

(Zu Narr) Wir können nicht länger bleiben.Komm. Lass uns gehen.

(Prinz geht langsam in Richtung Bühne. Sieht sich zu Narr um, der noch zögert.)

Kommst du? Es wird Zeit!

(Narr und Tochter sehen sich lange an. Als würde er genau verstehen, wie Tochter sich jetzt fühlt. Lächelt entschuldigend. Für einen kurzen Moment kommen die beiden sich erneut sehr nah. Langsam folgt der Narr dem Prinz und schließlich gehen beide über die in der Dunkelheit liegende Bühne ab.)

Akt i Szene 7

Tochter

(Leise) Warum habt Ihr ihn nicht zurückgehalten?

König

Es war seine Entscheidung.

Tochter

(Hart) Ja. Es war seine Entscheidung.

(Nach einiger Zeit beginnt die Festgesellschaft, sich von den Speisen der Tafel zu bedienen. Als hätten sie all das, was geschehen ist, bereits wieder vergessen. Tochter zieht still die Beine an. Legt den Kopf auf ihre Knie. Licht verstärkt auf Tochter und König. Tochter sieht nach einer Weile wieder auf. Wirkt verloren. Heimatlos. Für kurze Zeit Unruhe außerhalb des Zuschauerraums. Wie eine aufgebrachte Menschenmenge in weiter Ferne. Tochter sieht zu König.)

(Leise) Wolltet Ihr deshalb, dass er geht?

König

Wie meint Ihr das?

Tochter

Weil Ihr wusstet, dass er eine Lücke hinterlassen wird?

König

Eine Lücke?

Tochter

Der Prinz war einer der wenigen, die es noch gewagt hätten, Euch zu widersprechen. Der gegen Euch hätte bestehen können! Vielleicht der einzige. – Der sogar den Mut hat, sich gegen den Tod zu stellen. König (Herausfordernd) Der Prinz oder der Narr? Von wem redet Ihr?

(König und Tochter durchschauen einander. Spannung zwischen beiden nimmt zu.)

Tochter

Diese Welt: Seht sie Euch an!

(Betrachtet die anderen Festgäste.)

Eine Welt, in der das Leben ein Fest ist, bei dem jeder nur darauf sieht, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen – und in der sich die Wahrheit hinter Masken versteckt. Ihr werdet die Gelegenheit nutzen …

König

Die Gelegenheit?

Tochter

… Eure Macht zu vergrößern.

(König sieht sich um.)

Nein. Keine Angst! Es versteht mich niemand. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, das Erlebte zu vergessen. Eure Welt wird sich verändern, ohne den Prinz. Ihr selbst werdet Euch verändern, im Laufe der Zeit! Ihr werdet die Gelegenheit nutzen. Ihr könnt nicht anders.

(König betrachtet lange Tochter.)

König

Wer seid ihr?

(Keine Antwort.)

(Zur Festgesellschaft. In Gedanken) Ich möchte, dass ihr jetzt geht.

(Keine Reaktion. König sieht sich um. Niemand hat ihm zugehört. König steht auf.)

Das Fest ist beendet. Ich möchte, dass Ihr meine Tafel jetzt verlasst!

(Gäste sind irritiert.)

(Nachdrücklich) Geht jetzt. Sofort! Das Fest ist beendet.

(Die ersten Gäste stehen zögernd auf. Niemand versteht, was gerade geschieht.)

(Laut. Heftig) Alle!

(Die letzten Gäste stehen auf. Festgesellschaft verlässt ein wenig verstört den Zuschauerraum. Währenddessen setzt sich der König wieder. Nur Verwalter und Tochter sind zurückgeblieben.)

Ihr habt gesagt, ich würde versuchen, die Gelegenheit zu nutzen? Wie habt Ihr das gemeint?

(Tochter tritt langsam vor die Tafel.)

Wie könnte ich die Gelegenheit nutzen?

Tochter

(Sanft) Indem Ihr Eure Gäste fortschickt. Und indem Ihr mir zuhört. Ihr werdet mich fragen …

König

Was werde ich Euch fragen?

Tochter

Ich bin eine von denen, denen Ihr sonst nie zuhört. Eine von denen, die sonst nur geduldet sind, an Eurer Tafel. Am Rande Eurer Tafel. Eine von denen! Warum hört Ihr mir jetzt zu?

(Keine Antwort.)

Ihr werdet mich bitten, Eure Macht zu vergrößern.

Verwalter

Ihr wollt …

Tochter

(Hart) Vielleicht ist Euer König in diesem Moment der einzige, der mich wirklich versteht. Vielleicht ist er deshalb der König. Weil er erkennt, in welchen Zeiten sich Macht gewinnen lässt!

(Unruhe außerhalb des Zuschauerraums. Für einen Moment ist Marschlärm zu hören.)

Tochter

Hört Ihr das? Es beginnt schon.

König

Wenn Ihr den Prinz vermisst …

Tochter

Ja?

König

Ihr könntet ihn an meine Tafel zurückholen.

Tochter

Welchen Sinn würde das für Euch machen? Außerdem würde er die Welt der Fantasie kaum verlassen, bevor er sein Ziel nicht erreicht hat.

König

(Lächelt) Es sei denn, die Königin würde den Prinz an meine Tafel begleiten. Um gemeinsam mit mir dem Prinz zu helfen.

(Tochter betrachtet lange König. Geht langsam in Richtung Bühne. Sieht noch einmal zu König. Hat seine Absicht längst durchschaut. Verachtet ihn dafür)

Tochter

Warum sollte die Königin den Prinz an Eure Tafel begleiten? Ihr seid Gegner, so lange es Euch gibt. Sie wird wissen, dass sie Euch nicht vertrauen kann.

König

Ihr werdet einen Weg finden.

(Tochter sieht sich im Zuschauerraum um. Wirkt verloren.)

Tochter

Ja. Ich werde einen Weg finden.

(Kehrt dem König langsam den Rücken zu und geht in Richtung Bühne. Tochter verlässt Zuschauerraum über die Bühne in die Dunkelheit. Licht auf Tafel erlischt. Lange Pause.)