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Friedemann Engel

(Wiederauflage für Ende 2017 geplant)


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Derzeit gibt es leider keine Printfassung des Theaterstücks. Bei Interesse wenden Sie sich bitte direkt an mich. Ich stelle Ihnen dann gerne eine PDF zu Verfügung. Die Veröffentlichung einer E-Book-Fassung ist in Planung.

Klappentext

Dreepshöven ist ein kleines Dorf irgendwo im Norden, in dem schon seit langer Zeit der Streit zwischen Wirt und dem Großbauern das Leben der Menschen bestimmt. Zwar gelingt es den Dorfbewohnern immer wieder, sich mit viel Einfallsreichtum dem Streit zu entziehen, aber niemand wagt es, sich den beiden entgegenzustellen. Das ändert sich erst, als Friedemann Engel an der Seite von Gesa, der Tochter des Bauern, erscheint. Mit Humor, Intelligenz und unbeirrbarer Freundlichkeit nimmt er den Kampf auf.

Aufführungsrechte

Die Aufführungsrechte liegen bei mir als Autor. Bitte nehmen Sie bei Interesse über diese Webseite Kontakt mit mir auf.


Spielort

Eine kleine Dorfkneippe.

Bühnenbild

Besetzung

Hauptpersonen:

Friedemann Engel

Freundlich. Humorvoll. Intelligent. Afrikanischer Herkunft.

Jan

Sohn des Wirts.

Gesa

Tochter des Bauern. Sterneköchin auf »Heimaturlaub«.

Wirt

Aufbrausend. Eigensinnig. Ihm gehört eine Hälfte des Dorfes.

Bauer

Aufbrausend. Eigensinnig. Ihm gehört die andere Hälfte des Dorfes.

Pastor

Ein sehr frommer Mann.

Weitere:

Ool Akim, Ool Bork und Ool Cord

Sehr alt. Hintersinnig. Mit trockenem Humor.

Frau Pastor

Leidet unter der Frömmigkeit ihres Mannes.

Bürgermeister

Bemüht, es Bauer und Wirt recht zu machen.

Gemeinderat

mind. 3 Personen

Jugendliche

mind. 4 Personen


Leseprobe

Sie können die folgende Leseprobe auch als PDF-Datei herunterladen:  Akt I+II (0,6 MB)

Akt i

(Eine kleine Dorfkneipe mit zwei oder drei Tischen, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Jan, der Sohn des Wirts, steht hinter der Theke und spült Gläser. Auf einer Bank an der Seite sitzen drei alte Männer.)

Akt i  Szene 1

Ool Akim

Na, Jan. Freust dich schon?

Jan

Die wievielte Sitzung ist das heute?

Ool Akim

Ich glaube Nummer 28.

Ool Cord

Das eine Mal kann man nicht mitzählen.

Ool Bork

Nee. Warum sagt dein Vater auch so etwas zum Bauern?

Ool Akim

»Ob du hier sitzt, oder eines deiner Rindviecher …«

Ool Bork

Er hätte doch wissen müssen, was passiert. Alle drei sehen verträumt in die Ferne

Ool Cord

(Schwelgt) Ich wär schon gern dabei gewesen.

Ool Bork

Ja. Das hätte ich auch gerne gesehen.

Ool Cord

Wie die beste Kuh vom Bauern den Sitzungssaal stürmt und sich gegenüber von deinem Vater hinsetzt.

Ool Bork

Ging eigentlich auch so weit gut … (Grient) … bis dein Vater rot angelaufen ist vor Wut.

Ool Akim

Das hat die Susi irgendwie nicht gemocht.

Ool Bork

Nee. Ist nicht schön, wenn ein Rindviech seine Fassung verliert.

Ool Cord

Welches von beiden?

Ool Bork

(Grient) Die Susi.

Jan

(Amüsiert) Dann kann ich wohl froh sein, dass das heute die letzte Sitzung hier in der Kneipe ist. Ab nächste Woche soll der Sitzungssaal wieder fertig sein.

Ool Cord

Schwärmt Ja. Die Susi. Ach, wenn die erst einmal in Fahrt ist …

Jan

600 Jahre Dreepshöven … und fast genauso lange brauchen sie, um das Fest vorzubereiten.

Ool Bork

Und worüber wollen die beiden heute streiten?

Ool Akim

Bist 'nen feiner Kerl, Jan. Hast so'n dösigen Vater nicht verdient.

Jan

(Lacht) Ach. Mein Vater ist nicht das Problem … (Zögert kurz) … und der Bauer eigentlich auch nicht.

Ool Cord

Ja. Hast recht. (Sinniert) Das Ganze ist eher ein kosmisches Problem. Eine Frage … von Zeit und Raum.

(Fragender Blick der anderen.)

Die beiden. Zur gleichen Zeit. Im gleichen Raum. Das geht nicht gut.

(Frau Pastor erscheint.)

Jan

Moin, Frau Pastor.

Frau Pastor

Moin, Jan. Na. Soll ich dir helfen?

Jan

Bin gleich fertig.

Frau Pastor

Du musst noch die Tische zusammenstellen. Warte. Ich fang schon mal an.

Ool Bork

Eine feine Frau, die Frau Pastor. Nicht?

Ool Cord

Ja. Immer so hilfsbereit.

Ool Akim

Ach ja. Wenn man doch jünger wär.

(Mit einem Seufzen betrachten die drei Alten verträumt Frau Pastor. Den Kopf haben sie auf dem Stock gestützt.)

Frau Pastor

(Lächelnd) Was sagt ihr?

Ool Cord

Nichts, Frau Pastor.

Ool Bork

Mach ruhig weiter.

Ool Akim

Wir träumen nur ein bisschen.

(Jan und Frau Pastor stellen die Tische zusammen. Pastor erscheint.)

Jan

Moin, Pastor. Wollt Ihr Euch nicht hierher setzen?

(Pastor nickt. Wirkt etwas scheu.)

Frau Pastor

Ich werd mal in der Küche nachsehen, ob es da noch etwas zu tun gibt.

(Pastor und Frau sehen sich kurz an. Pastor weicht Blick seiner Frau aus. Frau Pastor geht in die Küche. Jan wundert sich, weil Frau Pastor mitten in der Arbeit geht. Von draußen ist Lärm zu hören.)

Ool Bork

Sie kommen. Ool Cord sieht kurz aus dem Fenster

Ool Cord

Der Bürgermeister sieht schon jetzt ganz krank aus. Richtig leid kann er einem tun, der arme Mann.

Ool Bork

Ich glaube, er ist der erste Bürgermeister, der sich nie um sein Amt beworben hat.

(Bürgermeister betritt den Raum. Wundert sich, dass niemand ihm folgt. Sieht sich um. Begreift. Wirft heimlich eine Münze.)

Bürgermeister

Du zuerst, Bauer.

(Bauer betritt mit zwei Begleitern den Raum. Setzt sich an die eine Seite des Tisches. Wirt folgt ihm. Ebenfalls mit zwei Begleitern.)

Bauer

Fang an, Bürgermeister. Wir haben nicht alle so viel Zeit wie der Herr Wirt. Meine Kühe warten nicht.

Bürgermeister

(Zögerlich) Hiermit eröffne ich … die letzte Sitzung des Festausschusses …

Wirt

 … Komm zur Sache, Bürgermeister. Sonst heißt es wieder, wir wären schuld, wenn die Milch von seinen Kühen sauer wird. (Herausfordernd) Wenn ich 'ne Kuh wäre, würde meine Milch auch sauer werden, wenn ich morgens als Erstes dem sein Gesicht seh.

Bauer

(Trocken) Wenn du 'ne Kuh wärst, würde ich von Milchvieh auf Schlachtvieh umsteigen.

(Bauer und Wirt müssen zurückgehalten werden.)

Bürgermeister

Es geht heute darum, zu entscheiden, welchen Weg der Festzug nehmen soll und …

(Bricht ab. Sieht zu Bauer.)

 … und …

Wirt

… und wer den Festzug anführen soll.

(Bauer und Wirt stehen gleichzeitig auf.)

Ja. Das habe ich mir gedacht.

(Bürgermeister setzt sich schicksalsergeben.)

Bauer

Werter Gemeinderat …

(Vergewissert sich der Zustimmung seiner Begleiter.)

Wie hier wohl jeder weiß, haben meine Vorfahren dieses Dorf vor nun bald 600 Jahren gegründet …

Wirt

Du meinst: Meine Vorfahren.

Bauer

 … und deshalb ist ohne jeden Zweifel, welchen Weg wir nehmen: Natürlich fahren wir von meinem Hof aus die Hauptstraße runter  …

Wirt

Das glaubst auch nur du.

Bauer

 … Und in der ersten Reihe …

(Holt eine Brieftasche aus der Jacke und öffnet sie. Eine Sammlung von Bildern klappt heraus.)

 … mein Deutz F3L 514.

(Wirt holt ebenfalls eine Brieftasche aus der Jacke und öffnet sie. Auch bei ihm klappt eine Sammlung von Bildern heraus.)

Wirt

In der zweiten Reihe kannst du gerne fahren. Aber in der ersten Reihe fahre ich mit meiner BMW Isetta.

Bauer

Hanomag R 455 ATK, Baujahr 1961.

Wirt

Mercedes-Benz 190SL, 105 PS, Baujahr 1960.

Bauer

Lanz Bulldog D9532, 45 PS, 10,3 Liter Hubraum. Baujahr 1950!

(Bürgermeister meldet sich.)

Wirt

Audi DKW F8, Baur Coupe. Baujahr 1939!

Bauer, Wirt

(Gereizt) Was ist, Bürgermeister?

Bürgermeister

Wir können … Ich meine … Wir können die Hauptstraße nicht nehmen.

Bauer, Wirt

Warum nicht?

(Bürgermeister möchte davonlaufen, wird aber von den anderen auf seinem Stuhl festgehalten.)

Ool Bork

(Grient) Hehe. So sicher wie er war noch nie ein Bürgermeister auf seinem Stuhl.

Bürgermeister

In Drichtersen … In Drichtersen wird noch immer gebaut. Unsere Hauptstraße darf nicht gesperrt werden.

(Keine Reaktion.)

Nichts zu machen.

Bauer

Nichts?

Bürgermeister

Nee.

Wirt

Sicher?

Bürgermeister

Ja.

Wirt

Wenn das so ist.

(Bauer und Wirt klappen die Bilder wieder ein und setzen sich. Alle atmen auf.)

Bauer

Aber wir fahren von meinem Hof aus los.

Wirt

Nee. Losfahren tun wir natürlich von hier. Von dieser Kneipe aus.

Bauer

Niemals!

Bürgermeister

(Vorsichtig) Und wenn wir …

(Geht zögernd zur Tafel hinüber. Zeigt auf Karte Dorf.)

 … wenn wir vom Dorfplatz aus losfahren und weiter hinüber zur Festwiese?

Bauer

Von mir aus.

Wirt

Ja. Aber nur, wenn wir vom Dorfplatz aus die Raiffeisenstraße nehmen. Zu Bauer Schließlich hat mein Vater die damals gegründet.

Bauer

Die Straße?

Wirt

Die Bank. Hornochse!

Bauer

Wir nehmen den Feldweg. Da hat mein Großvater zum ersten Mal einen Acker mit dem Trecker gepflügt.

Wirt

(Spöttisch) Mit dem Trecker … Das war sicherlich ein historisches Ereignis! Dein Großvater …

Bauer

Das musst du entscheiden, Bürgermeister.

Wirt

Ja.

Bürgermeister

Ich? Ohneeohneeohnee.

(Dreht sich in seiner Bedrängnis um. Wirft heimlich eine Münze. Dreht sich wieder um.)

(Ängstlich) Raiff … eisenstraße …?

Wirt

Hah!

(Bauer schmollt. Bürgermeister zeichnet den Weg auf dem Plan ein.)

Bauer

Aber dann nehmen wir von da aus den Mühlenweg.

Bürgermeister

 … Mühlenweg …

Wirt

 … Ziegeleistraße …

Bürgermeister

 … Ziegeleistraße …

(Bürgermeister kommt kaum mit.)

Bauer

 … Holzpfad …

Bürgermeister

 … Holz … (Stockt) Das … geht nicht.

(Bauer und Wirt sehen zu Bürgermeister.)

Ich meine … Hier! Die Wege kreuzen sich. Dann ist das Ende vom Festzug noch nicht durch, wenn die ersten …

(Beschreibt das Problem umständlich mit den Armen. Gibt auf.)

Das geht nicht.

Bauer

Dann bauen wir da eben eine Ampel hin.

Alle

(Überrascht. Entsetzt) Eine Ampel?

(Alle sehen zu Wirt. Bauer und Wirt sehen sich lange herausfordernd an.)

Wirt

Ja. Eine Ampel!

Bürgermeister

Können wir nicht einen anderen Weg …

(Drohender Blick Bauer und Wirt.)

Eine Ampel. Ich bin sicher. Das wird die beste Lösung sein.

(Zeichnet eine Ampel ein.)

(Zu sich. Murmelnd) Geh nach Dreepshöven, haben sie gesagt. Da kannst du was werden, haben sie gesagt. Und was bin ich jetzt? Hah!

Wirt

Was sagst du, Bürgermeister?

Bürgermeister

Nichts. Ich zeichne nur den Weg ein. Zeichnet weiter.

Von der Ziegeleistraße aus können wir nur den Friedhofsweg nehmen.

(Bauer und Wirt wollen etwas sagen. Ihnen fällt aber nichts ein.)

Von da aus ist es dann nicht mehr weit. Am Bach entlang bis zum … Oh. Neh!

Bauer

Am Bach entlang …

Wirt

 … bis zum Bachsprung!

(Bauer und Wirt stehen auf.)

Bauer

(Mit Pathos) Da, wo meine Vorfahren …

Wirt

(Ebenfalls pathetisch) … wo meine Vorfahren …

Bauer

 … zum ersten Mal dieses Gebiet betreten haben. Vor bald 600 Jahren. (Verklärt) Wo sie von weit her kommend … hinüber gesprungen sind über den Bach.

(Beide legen ergriffen die Hand aufs Herz.)

Wirt

Die Geburtsstunde von Dreepshöven!

Bauer

Ein Höhepunkt in der Geschichte von diesem Land. Ein kleiner Sprung nur für meine Vorfahren …

Ool Akim

 … Ich möchte euch ja nicht stören in eurer Ergriffenheit, aber der Bach ist heute viel breiter an der Stelle. Wie wollt ihr da eigentlich rüberkommen?

(Bauer und Wirt irritiert. Dann reift langsam ein Gedanke. Zum ersten Mal sind die beiden sich einig.)

Bauer

Eine Brücke.

Wirt

Ja. Eine Brücke!

Bürgermeister

Aber …

Bauer

Wir bauen eine Brücke. Über den Bach! Als Erinnerung an eine großen Moment in der Geschichte von diesem Dorf. Und im Andenken an meine Vorfahren werden wir sie nach ihnen benennen.

(Alle sehen jetzt zu Wirt. Der lässt sich Zeit.)

Wirt

Wir wissen alle, dass meine Vorfahren dieses Dorf gegründet haben. Aber wenn der Bauer darauf besteht … (Lächelt) … bauen wir eben zwei Brücken.

Alle

Zwei Brücken?

Wirt

Die zweite Brücke wird natürlich größer als die vom Bauern und … nach meinen Vorfahren benannt.

Bauer

Davon träumst du. Aber das kennen wir ja vom Herrn Wirt. Erst viel versprechen …

Wirt

Wirst schon sehen!

Bauer

Dösel.

Wirt

Kreienschieter!

Bürgermeister

Aber …

Bauer

Wanschapen grootmuuliger Tüffelachteihn!

Wirt

(Fällt keine Steigerung mehr ein) Buur!

(Beide beginnen eine Rangelei. Gesa, die Tochter des Bauern, betritt währenddessen eher unbemerkt den Raum. An ihrer Seite ein Mann, der wegen seiner dunklen Hautfarbe anfangs nicht für einen Einheimischen gehalten und von allen neugierig betrachtet wird. Der Mann stellt zwei große Koffer ab.)

Akt i  Szene 2

Gesa

Vater.

(Keine Reaktion.)

Vater!

(Bauer und Wirt unterbrechen ihren Kampf. Verharren in einer eher zweideutigen Position. Arm in Arm. Wange an Wange.)

Bauer

Gesa?

Wirt

Hallo Gesa.

Friedemann

Ist das dein Vater?

(Gesa nickt.)

Dann ist das der Wirt, von dem du mir erzählt hast?

Gesa

Ja.

Friedemann

Hast du nicht gesagt, dass die beiden sich nicht leiden können?

(Legt seinen Kopf zur Seite. Betrachtet Bauer und Wirt. Lächelt.)

Im Moment sehen sie eher aus, als wenn sie sich ganz doll lieb haben.

(Bauer und Wirt bemerken ihre verfängliche Position. Lösen sich voneinander.)

Bauer

Und wer ist er?

Gesa

(Zögert kurz) Das ist mein Freund.

(Wirt grient.)

Bauer

Dein Freund?

Gesa

Ja, Vater.

(Friedemann geht auf Bauern zu. Gibt ihm die Hand.)

Friedemann

Friedemann Engel. Freut mich, Gesas Vater endlich kennenzulernen.

(Alle amüsieren sich.)

Jan

Friedemann Engel?

Friedemann

Ja.

Jan

(Ablehnend) Das ist doch kein Name. Hört sich eher an …

Gesa

(Deutlich) Halt dich da raus, Jan.

Friedemann

Meine Eltern hielten es für eine gute Idee. Sie meinten, ich sollte einen Namen haben … Lacht … der ein wenig von mir ablenkt. Und immer, wenn ich meinen Namen nenne, sehe ich fröhliche Gesichter.

Jan

Das glaube ich gern.

Gesa

Und du, Vater? Willst du mich nicht endlich richtig begrüßen? Wir haben uns lange nicht gesehen.

Bauer

(Versöhnlich) Ja. Komm her, meine Kleine. Du hast mir gefehlt.

(Umarmt Gesa liebevoll. Sieht zu Friedemann.)

Dein Freund?

Gesa

Ja, Vater.

Bauer

Und wo kommt er her?

Gesa

Aus Hamburg.

Bauer

Nee. Ich meine: Wo ist er geboren?

Gesa

Warum fragst du ihn nicht einfach selbst? Er kann sprechen.

(Bauer sieht fragend zu Friedemann.)

Friedemann

Mein Vater ist aus Dithmarschen.

(Allgemeine Irritation.)

Jan

(Feindselig) Aber deine Mutter ist sicher nicht von hier?

Friedemann

(Freundlich) Nee. Die ist von Güstrow.

(Große Irritation.)

Aber meine Oma ist eine Oromo.

(Noch größere Irritation.)

Aus Afrika!

Alle

(Erleichtert) Aaah.

Gesa

Schön, endlich mal wieder hier zu sein. Ich hätte nicht gedacht, dass mir der Geruch von Kuhmist einmal so fehlen könnte.

Bauer

Du warst wirklich lange nicht mehr hier.

Gesa

Nee.

Bauer

Wir haben dich nicht so früh erwartet. Du wolltest doch erst nächste Woche kommen.

Wirt

(Freundlich. Fast ein wenig verliebt) Du hast doch sicher viel zu tun, so als berühmte Köchin? Sogar im Fernsehen bist du jetzt zu sehen. Und einen Stern hast du auch.

Gesa

Davon weißt du?

Wirt

(Verlegen) Ich hab alle deine Sendungen gesehen.

Ool Akim

Hörst? Kaum ist eine schöne Frau dabei, meint man, die beiden hätten Kreide gefressen.

(Gesa sieht zu den drei Alten. Die werden ganz verlegen. Winken.)

Gesa

Ich musste einfach mal wieder raus aus der Stadt. Und ein wenig Urlaub bei meinem Vater ist jetzt genau das Richtige. Außerdem wollte ich unbedingt bei der 600-Jahr-Feier dabei sein.

Ool Bork

Und kochst du auf dem Fest auch was für uns?

(Gesa sieht sich um. Friedemann hat Plan entdeckt. Geht hin.)

Ool Cord

Oh, ja.

Gesa

(Lacht) Na. Mal sehen. Ist ja noch ne Weile hin.

Friedemann

Und wie ich seh, seid ihr auch schon bei der Planung.

(Betrachtet den Plan. Stutzt.)

Eine Ampel?

(Alle nicken schuldbewusst. Fährt mit dem Finger den eingezeichneten Weg nach. Stutzt wieder.)

Und zwei Brücken? (Heiter) Das ist ja gediegen.

(Entdeckt eine weitere Karte.)

Und was ist das für ein Plan?

Wirt

Plan? (Betont unauffällig) Das war für später. Für den Gemeinderat. Nicht wichtig. Überhaupt nicht.

Friedemann

Aber das ist doch dieses Grundstück hier?

Wirt

Nee. Das glaub ich nicht.

(Bauer wird mißtrauisch.)

Friedemann

Die Kneipe … Der See … Den hab ich eben von draußen gesehen. Hier ist der Wald. Und was ist das für ein Grundstück?

(Bauer kommt näher.)

Bauer

Das ist mein Grundstück! (Zu Wirt) Mit der einzigen Zufahrt zur Hauptstraße. Ohne die ist dieses Grundstück hier kaum etwas wert.

Wirt

Das wird sich bald ändern.

(Bauer sucht weiter. Entdeckt etwas. Sieht sich zum Wirt um.)

Bauer

Wegerecht?

(Liest weiter. Stockt.)

Enteignung? Was hast du dir jetzt wieder ausgedacht? Das schaffst du nie!

Wirt

Wirst schon sehen.

Bauer

Aber da kannst du sicher sein: Irgendwann gehören die beiden Grundstücke mir!

Wirt

Nur über meine Leiche.

Bauer

Das kannst du haben.

(Beide beginnen erneut eine wilde Rangelei.)

Gesa

Friedemann!

(Wirt springt von hinten auf Bauer. Friedemann tritt langsam in deren Weg. Wirt stößt mit dem geduckten Kopf gegen seine Brust. Bauer und Wirt unterbrechen den Kampf. Sehen an Friedemann hinauf.)

Friedemann

(Entspannt) Wenn ich es richtig sehe, habt ihr genau drei Möglichkeiten …

(Bauer und Wirt irritiert. Engel legt den Kopf wieder zur Seite.)

Ich weiß nicht. Seid ihr sicher, dass ihr beiden euch nicht leiden könnt?

(Beide erkennen die verfängliche Haltung. Lassen voneinander ab.)

Wirt

Wie meinst du das? Drei Möglichkeiten?

(Friedemann geht langsam zur Tafel.)

Friedemann

Wenn ich es richtig verstehe, gehört dieses Grundstück dir …

(Bauer nickt.)

 … und dieses gehört dir?

(Wirt nickt.)

Und jeder will das Grundstück vom anderen, weil er sonst sein eigenes Grundstück nicht richtig nutzen kann. Richtig?

Bauer

Ja.

Wirt

Ja!

Friedemann

Aber verkaufen will keiner von euch?

Bauer, Wirt

Niemals!

Friedemann

Schade. Das wäre die erste Lösung gewesen.

(Denkt nach.)

Und gemeinsam …?

(Betrachtet Bauer und Wirt.)

Nee. Ich glaube, das wird auch nichts.

Bauer

Gemeinsam? Ich mit dem?

Wirt

Niemals!

Friedemann

Dann bleibt euch nur eins.

(Lässt sich Zeit. Alle sehen gespannt zu ihm.)

Ihr müsst um die Grundstücke spielen!

Pastor

Aber das geht nicht.

Friedemann

Pastor?

(Pastor tritt mit der Bibel in der Hand vor.)

Pastor

Spielen ist Sünde! Ein Verbrechen gegen den Herrn. Die Bibel sagt …

Wirt

Halt dich da raus, Pastor. Davon verstehst du nichts.

Pastor

Die Bibel sagt …

Bauer, Wirt

Pastor!

(Pastor zieht sich wieder zurück. Bauer und Wirt finden Gefallen an der Idee von Friedemann.)

Bauer

Darum spielen? Wie meinst du das?

(Keine Antwort.)

Und was ist, wenn ich verliere?

Friedemann

Und was wäre, wenn du gewinnst? Dann würde das alles hier dir gehören. Dir allein!

Bauer

Das alles …

Wirt

Alles meins. Und wie …

Bauer

 … wie stellst du dir das vor? Sollen wir etwa eine Münze werfen?

Akt i  Szene 3

Friedemann

Nein. Ich dachte an etwas anderes. (Zu den anderen Gästen) Helft mir einmal.

(Alle helfen Friedemann, die Tische zur Seite zu räumen.)

Gesa

Was hast du vor?

Friedemann

Ich bin sicher, ihr kennt das Spiel.

(Malt mit Kreide einen großen Kreis auf den Boden und setzt einen Stuhl hinein.)

Wirt

Ich verstehe nicht …

Friedemann

Als Kinder habt ihr es sicher sehr oft gespielt. Nennen wir es … die »Reise nach Dreepshöven«.

Wirt

Die Reise nach …

Bauer

 … Dreepshöven?

Friedemann

Es ist ganz einfach Wenn ich »Los« rufe, lauft ihr beide um diesen Kreis herum. Und wer als Erster auf diesem Stuhl sitzt, nachdem ich »Halt« gerufen habe, der bekommt die beiden Grundstücke.

Bauer

(Zu sich) Beide Grundstücke!

Friedemann

Ihr seid doch gestandene Geschäftsmänner. Und Geschäftsmänner erkennen immer eine Chance, wenn sie sich ihnen bietet. Und greifen zu.

(Bauer und Wirt fühlen sich geschmeichelt, zögern aber noch.)

Oder fehlt euch etwa der Mut?

Bauer

Also gut.

Wirt

Ja.

Bauer

In Ordnung.

Wirt

Fangen wir an.

Friedemann

Dann stellt euch auf.

(Beide stellen sich auf.)

Und ich habe euer Wort? Vor Zeugen? Der Erste, der auf diesem Stuhl sitzt, nachdem ich »Halt« gerufen habe, bekommt beide Grundstücke?

Bauer

Ja. Versprochen.

Wirt

Mein Wort hast du.

(Friedemann tritt langsam in den Kreis neben den Stuhl.)

Friedemann

Also gut. Dann fangen wir an: 3, 2, 1 … Los!

(Ein nicht immer ganz faires Wettrennen beginnt.)

Ja. Gut so. Weiter.

(Die beiden werden jetzt auch von ihren Begleitern angefeuert. Friedemann tritt langsam vor Stuhl.)

Halt!

(Friedemann setzt sich ruhig auf den Stuhl. Bauer und Wirt behindern sich gegenseitig. Kommen vor Friedemann zum Liegen. Lange Pause. Stille.)

Ool Cord

Ich mag ihn.

Ool Bork

Ja. Er ist klug.

Ool Akim

Und er hat Humor.

Ool Bork

Wie lange die beiden wohl brauchen?

Bauer

Was soll das?

(Bauer steht langsam auf.)

Wirt

Ja. Du spielst überhaupt nicht mit.

(Wirt steht ebenfalls auf.)

Friedemann

Bist du sicher? (Grient) Habe ich das irgendwann gesagt?

(Sieht sich um. Langsam begreifen alle.)

Wirt

Wir beide sollten um den Stuhl herum laufen …

Friedemann

 … Ja.

Bauer

Und wer sich zuerst auf den Stuhl setzt, der bekommt beide Grundstücke.

Friedemann

Ich habe aber nicht gesagt, dass das einer von euch beiden sein muss. Oder hat das jemand gehört?

Bauer

Du hast uns hereingelegt!

Friedemann

Ich habe nach den Regeln gespielt.

Wirt

Das kannst du nicht machen!

(Bauer läuft wütend hin und her.)

Bauer

Er hat uns reingelegt!

Friedemann

Ihr habt euer Wort gegeben. Vor Zeugen.

Bauer

Uns reingelegt!

Friedemann

(Sieht zu Pastor) Sogar vor dem lieben Herrgott. Irgendwie.

(Alle amüsieren sich über Bauer und Wirt.)

Wirt

Das kannst du nicht …

Bauer

Ach was. Der Teufel soll dich holen.

(Bauer verlässt wütend die Kneipe. Öffnet noch einmal kurz die Tür.)

(Zu seinen Leuten) Und ihr kommt mit!

(Begleiter folgen dem Bauern langsam. Grüßen Friedemann dabei voller Anerkennung.)

Gesa

Vater!

(Keine Antwort.)

Ich muss ihm nach.

(Gesa folgt ihrem Vater.)

Wirt

Du …

(Wirt geht ab. Auch seine Begleiter grüßen Friedemann beim Verlassen der Kneipe. Bürgermeister geht mit ab.)

Akt i  Szene 4

(Friedemann bleibt mit Frau Pastor, Pastor und Jan zurück. Beobachtet die drei mit dem Rücken zum Publikum. Sie stehen weit auseinander. Wirken verloren. Es wird still.)

Pastor

»Er hat Macht geübt mit seinem Arm. Er hat zerstreut, die in der Gesinnung ihres Herzens hochmütig sind.«

Friedemann

(Nachdenklich) Manchmal sind nicht die wichtig, die gehen, sondern die, die in ihrem Schatten bleiben, Pastor.

(Pastor sieht zu Friedemann, versteht ihn aber nicht.)

Die Lauten wird man immer hören.

(Jan geht langsam Richtung Tür.)

Was hast du vor?

Jan

Meine Koffer packen. Jetzt, wo dir alles hier gehört.

(Jan geht ab. Pastor und seine Frau sehen sich an. Pastor weicht aus.)

Frau Pastor

Wie willst du den Menschen helfen, wenn du Angst vor ihnen hast?

(Keine Antwort. Frau geht langsam ab.)

Pastor

Ich sollte auch gehen. Ich muss noch die Gottesdienste vorbereiten …

(Geht langsam.)

Friedemann

Ihr haltet … zwei Gottesdienste?

Pastor

Einen für den Bauern und seine Leute … und einen für den Wirt und seine Leute. Es ist meine Aufgabe, das Wort Gottes zu verkünden. Und wenn die Kirche zwei Mal zur Hälfte gefüllt ist, dann haben am Ende doch alle die Botschaft gehört.

(Pastor will weitergehen.)

Friedemann

(Sanft) Und meint Ihr … dass sie die Botschaft dann auch verstanden haben?

(Pastor irritiert.)

Dass Ihr sie verstanden habt, wenn Ihr es zulasst, dass Eure Gemeinde in zwei Teile geteilt ist?

Pastor

Wenn ich nur noch eine Predigt halte, wird niemand mehr kommen.

Friedemann

Ihr habt wenig Vertrauen in Euren Gott …

(Pastor will gehen.)

Kann ich Euch eine Geschichte erzählen?

(Pastor ist irritiert. Es ist still geworden. Pause.)

Pastor

Eine Geschichte? Jetzt?!

Friedemann

Es ist eine sehr kurze Geschichte. Und vielleicht werdet Ihr sie sogar kennen. Sie ist sehr bekannt. Sie handelt von einem Mullah, der Nasreddin hieß.

Pastor

Ein Mullah? (Irritiert) Ich weiß nicht …

Friedemann

(Lächelt) … Ein Kollege von Euch.
Zu seinen Aufgaben gehörte es, jeden Freitag eine Predigt über eine Sure des Koran zu halten. So, wie Ihr den Menschen aus der Bibel vorlest. Eines Tages kam er neu in ein Dorf und nach Verlesung der Sure fragte er seine Zuhörer: »Versteht ihr, was ich euch vorgelesen habe?« Die Antwort der Gläubigen war: »Nein.« Darauf sagte Nasreddin: »Dann brauche ich auch nicht weiter zu reden, weil das für euch ja sowieso zu schwierig ist.« Und er stieg von der Kanzel und schwieg. Die Dorfbewohner wunderten sich über ihren neuen Mullah, und machten aus, am nächsten Freitag anders zu antworten. Wieder fragte Nasreddin: »Versteht ihr auch, was ich gerade vorgelesen habe?« Diesmal sagten sie: »Ja.« Und Nasreddin antwortete: »Dann brauche ich es euch ja nicht noch einmal zu erklären.« Die Dorfbewohner waren darüber etwas ungehalten und verabredeten, ihrem Mullah eine Falle zu stellen. Am dritten Freitag stieg Nasreddin wieder auf die Kanzel, las die Sure und fragte: »Versteht ihr auch, was ich gerade vorgelesen habe?« Diesmal sagten einige »Ja«, und einige »Nein«. Nasreddin sah sie lächelnd an, und antwortete: »Dann mögen doch bitte die, die es verstehen, es denen erklären, die es nicht verstehen.«

Pastor

Und was hat die Geschichte mit mir zu tun?

Friedemann

Wenn Ihr es nicht wisst, weiß ich es auch nicht.

(Pastor geht Richtung Ausgang.)

Warum bittet Ihr nach Eurem nächsten Gottesdienst nicht diejenigen, die Eure Predigt zuerst gehört haben …

(Pastor sieht sich noch einmal um.)

 … sie denjenigen zu erzählen, die sie noch nicht gehört haben? Und haltet in Zukunft nur noch einen Gottesdienst? Für einen Gott.

(Pastor geht nachdenklich ab.)

Ool Akim

Er wird es nicht tun.

Friedemann

Weil ihm der Mut fehlt?

Ool Akim

Nein. Würde es in der Bibel stehen, dann würde er auch gegen Windmühlen kämpfen. Er liebt die Menschen, musst du wissen. Irgendwie. Aber er versteht sie nicht. Er kennt die Menschen nur so, wie die Bibel sie beschreibt Schwarz oder weiß. Gut oder böse.

Ool Bork

Und weil er sie nicht versteht, kann er ihnen nicht vertrauen. Und weil er ihnen nicht vertraut, vertrauen sie ihm nicht.

Friedemann

Und die Frau, die eben gegangen ist?

Ool Bork

Das ist die Frau vom Pastor. Sie hat hier ein Zimmer. Seit einiger Zeit.

Friedemann

Die Frau des Pastors? Zu sich Was für ein merkwürdiger Ort …

(Jan erscheint mit gepackten Koffern. Geht an Friedemann vorbei.)

Wohin willst du gehen?

Jan

Ist das wichtig? Hier ist kein Platz mehr für mich!

Friedemann

(Freundlich) Und warum nicht?

(Jan geht mit Koffern auf Friedemann zu.)

Jan

Weil du mich sicher nicht in deiner Nähe haben willst! Jetzt, wo dir das alles hier gehört. Und weil ich dich nicht leiden kann!

(Jan will gehen.)

Friedemann

(Sanft) Wir sind kein Paar.

(Jan sieht sich um.)

Gesa und ich.

(Jan stellt langsam Koffer ab.)

Wir sind nur gute Freunde.

(Pause.)

Und wer weiß: Vielleicht werden auch wir noch welche.